Dillenburger Gymnasium bringt Schülern methodisches Arbeiten nahe

DILLENBURG (son) -Spätestens seit der Diskussion um die niederschmetternden Ergebnisse der PISA-Studie ist klar, dass es in den Schulen nicht genügt, Lehrpläne abzuspulen und nur den inhaltlichen Lernstoff zu vermitteln. Das hat sehr schnell etwas mit stupidem "Pauken" zu tun und birgt die große Gefahr, dass Schüler mehr oder weniger stur auswendig lernen, das Wissen im günstigsten Fall bis zur nächsten Klassenarbeit speichern, um es dann schleunigst wieder aus dem Gedächtnis zu verdrängen. Dieses Prinzip kann sich in einem ganzen Schulleben ständig wiederholen mit dem zweifelhaften Erfolg, dass Fachkenntnisse nur zeitlich befristet abrufbar sind.

Der Wert einer solchen Ausbildung erklärt sich von selbst. Vor dem Hintergrund dieser Erkenntnis beschreitet man in der Wilhelm-von-Oranien-Schule in Dillenburg neue Wege und hat sich auf die Fahnen geschrieben, Methoden sinnvollen und effektiven Lernens künftig stärker zu vermitteln.

Über mehrere Monate hinweg haben Lehrer verschiedener Fachbereiche einen konkreten Methodenlehrplan entwickelt, der inzwischen von der Gesamtkonferenz beschlossen und in dieser Woche von Barbara Becker, Claudia Carius, Martin Hinterlang und dem neuen Schulleiter Martin Henrich vorgestellt wurde. In ihm ist verbindlich festgelegt, welche Lern- bzw. Präsentationsmethoden jeder Schüler in seiner Jahrgangsstufe erlernen oder vertiefen soll. Beispielsweise werden Schüler der Klasse 6 in Deutsch und Geschichte in effektiver Lesetechnik geschult, während in Mathematik und Englisch die Vorbereitung einer Klassenarbeit trainiert wird. Während die Fachinhalte regelmäßig durch Klassenarbeiten und Prüfungen abgefragt werden, fehlte für den Methodenlehrplan ein solches Kontrollinstrument völlig. An der WvO wurde daher der Methodenpass entwickelt. Er enthält Angaben über Lerntechniken und gibt Hinweise, für welche Fächer sie sich am besten eignen.

Wo keine Fächerbindung besteht, entscheidet der Schüler selbst, in welchem Fach er beispielsweise ein Referat hält und lässt sich diese Leistung im Methodenpass vom Lehrer bestätigen. Dadurch wird vermieden, dass in einem Fach alle 32 Schüler einer Klasse ein Referat halten müssen; die Referate werden sinnvoll auf die Fächer verteilt. Dennoch ist gewährleistet, dass jeder Schüler jede Methode kennen lernt und auf ihn auch die Verantwortung für diesen Lernprozess übertragen wird. Hat er das Methodentraining vollständig absolviert, wird das im Zeugnis vermerkt. Versäumnisse können sich auf die Bewertung des Arbeitsverhaltens auswirken. Wurde der Methodenpass über alle Jahrgänge sorgfältig geführt, wird mit dem Abiturzeugnis ein Zertifikat vergeben.

Das Besondere des WvO-Modells besteht darin, dass die Aktivitäten über die gesamte Schullaufbahn hinweg systematisiert und alle Fächer und Lehrkräfte eingebunden werden. Das Kollegium erhofft sich dadurch eine Stärkung selbsttätigen Arbeitens der Schüler, aber auch eine Veränderung der Lehrerrolle "vom Imperator zum Moderator".

Die Summe allen Fortschritts

Dillenburg. Nicht für die Schule lernen wir, sondern fürs Leben - die alte Aristoteles-Weisheit bekommt nach den Ferien für 1182 Mädchen und Jungen an der Dillenburger Wilhelm-von-Oranien-Schule eine völlig neue Note: Ein "Methodenpass" wird dann ihr ständiger Begleiter sein - und für den Schulalltag sichtbares Zeichen des Projekts "Lernen lernen". Danach geht es nicht nur darum, was gelernt werden kann, sondern auch darum wie.

"Wir wollten kein System überstülpen", sagt Claudia Carius. Sie gehört zu der Gruppe von zehn Lehrern, die einen langen Diskussions-Prozess innerhalb der Schule getragen und zusammengefasst haben. "Wir hatten etliche Diskussionen darüber, was wichtig ist", ergänzt Kollege Martin Hinterlang.

Gewissermaßen als Summe allen Fortschritts herausgekommen ist ein systematischer Überblick. Der zeigt an, was wann "dran" ist: Anders als bei anderen Schulen gibt es an der WvO keine einzelnen "Methoden-Tage", sondern die brauchbaren Lern- und Präsentations-Techniken durchziehen geordnet die Schuljahre aller Klassen von Jahrgangsstufe 5 bis 13.

Dieser "Methoden-Lehrplan" - an der WvO als altsprachlichem Gymnasium auch lateinisch "Curriculum" genannt, was schlichtweg nichts anderes als "Lauf" bedeutet - regelt so künftig den Lauf des Lernens: Ergänzend zum Lehrplan mit vorgegebenen Themen steht dort, wann welche Lerntechniken besonders trainiert werden. "Selbst die Jüngsten bekommen schon ein Gespür dafür und fragen beispielsweise, wie sie am besten Vokabeln lernen", erzählt Barbara Becker.

Wie bekommt man in Englisch auch schwierige Wörter durch Karteikarten und Bildchen in den Kopf? Das sind Techniken, die schon in Klasse 5 den persönlichen Fortschritt erleichtern sollen.

Vom einfachen Unterstreichen eines Textes bis hin zum fesselnden Vortrag mit Computer-Präsentation reichen die Mittel. Die Wege der Wissensbeschaffung werden auf verschiedenen Ebenen - von der Nutzung des Lexikons bis zur Internet-Recherche - ebenso eingeübt wie auch die Wiedergabe. Und wenn es daran geht, ein Referat zu halten, können die Schüler sich auch das passende Fach dazu aussuchen - und vom Lehrer hinterher in den Pass eintragen lassen. Mit selbstständig tätigen Schülern ist der Unterricht nicht mehr so stark auf den Lehrer zentriert. Seine Rolle wechselt "vom Imperator zum Moderator", wie Martin Hinterlang vergleicht. "Jeder begreift dann, für mein Lernen bin ich verantwortlich", sagt Barbara Becker.

Und auch die Teamfähigkeit soll gestärkt werden: Diskussionsregeln, das Organisieren von Gruppenarbeiten sind ebenso zu füllende Felder auf solchen Pässen wie Rollenspiele und Präsentation von Lernergebnissen.

"Das gibt Selbstvertrauen, wenn ich erkenne: Das habe ich schon mal gemacht, das kann ich", sagt der neue Direktor Martin Henrich.

Erfolgreiches Abhaken von bis zu fünf Aufgaben pro Jahr schlägt sich mit einem Vermerk im Zeugnis nieder. Versäumnisse hingegen drücken die Note "Arbeitsverhalten". Schließlich geht es nicht mehr nur kurzfristig darum, sich für die nächste Klassenarbeit oder den mündlichen Test vorzubereiten, sondern auf sämtliche Prüfungen, die das Leben bereit hält. Schon die Fünftklässler lernen, was ein "Hausaufgabenmanagement" ist.

 

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