Festival der Töne, Bewegungen, Farben und Stimmen

DILLENBURG - "Ein Fest der Töne und Bewegungen, der Farben und Stimmen", hatte Martin Henrich, der neue Direktor der Wilhelm-von-Oranien-Schule in Dillenburg versprochen. Und der Pädagoge hatte nicht übertrieben, denn die Premiere des Musicals "Amadeus" in der Nassau-Oranien-Halle war eine großartige Aufführung, wie sie in dieser Art und Weise in Dillenburg noch nie zu sehen war. Die über 100 Mitwirkenden entführten die zahlreichen Zuschauer in eine Welt der Sinnesfreude und der Musik, die bei den Musikfreunden noch lange in Erinnerung bleiben wird. Über drei Stunden lang verwandelten die Sängerinnen und Sänger, die weitgehend überzeugenden Solisten, der WvO-Chor, das Orchester und die Band unter der Gesamtleitung von Armin Müller die Nassau-Oranien-Halle in ein Musical-Theater, wie es sonst nur große Städte bieten können.

In der Tat ist Achim Müller ein Musiklehrer aus Leidenschaft - und er versteht es immer wieder, seine Chöre und Musiker zu Höchstleistungen anzuspornen, die auch beim Publikum "rüberkommen" und für alle Beteiligten auf, hinter und vor der Bühne zu einem Erlebnis werden.

Natürlich hatte der rührige Breitscheider bei diesem gewaltigen Vorhaben einen Kreis um sich geschart, der begeistert und engagiert "mitzog" und sich genau so in die Vorarbeit kniete, wie es für ein Werk dieses Ausmaßes erforderlich ist. Nach dem überwältigenden Erfolg der "West Side Story" vor zwei Jahren war man sich schnell einig, ein neues Musical in Angriff zu nehmen - und was lag da näher, als die verwirrende Lebensgeschichte eines der größten Genies der Menschheit in Angriff zu nehmen: Wolfgang Amadeus Mozart, der vom kaum weniger genialen Albert Einstein einst als "Liebling der Götter" bezeichnet worden war.

 

Mozart-Fieber grassiert

Mit seinen Musikerkollegen Martin Giebeler und Gisela Boguth gewann Armin Müller zwei kompetente Mitstreiter, die ebenfalls dazu beitrugen, dass am Dillenburger Gymnasium monatelang das "Mozart-Fieber" umging. Vorarbeiten, Gespräche, Entwürfe und Proben waren erforderlich, ehe es los gehen konnte - nur gut, dass bei Schulleitung und Sponsoren kaum Überzeugungsarbeit geleistet werden musste, denn deren Unterstützung waren sich die "Musical-Macher" von Beginn an sicher.

Grundlage der Aufführung war nicht das Theaterstück "Amadeus" von Peter Levin Shaffer, das bereits zweimal verfilmt wurde. Die Dillenburger wollten etwas "Eigenes" schaffen, wobei sich Vorbilder und Anlehnungen gewollt und ungewollt von selbst ergaben. Die Musiklehrer schrieben eigene Gedanken nach Vorlagen von Sylvester Levay (Musik) und Michael Kunze (Texte) nieder. Gisela Boguth hatte ein spritziges Libretto vorgelegt, bei dem sie von ihrer jungen Kollegin Andrea Stühler bestens unterstützt wurde, die Erfahrung bei anderen Musical-Gruppen gesammelt hat.

Die schwierige Aufgabe der Regie war der jungen Anna N. Baumgart übertragen worden, die in der Rolle der "Maria" bereits in Bernsteins "West Side Story" geglänzt hatte und die neue Rolle im Hintergrund als "großartige Herausforderung" bezeichnete. Sie meisterte ihre Aufgabe bravourös. Kunstlehrer Andreas Hegeling zeichnete für die beeindruckenden Bühnenbilder verantwortlich.

Ein besonderes Lob hat mit Sicherheit Jesko Sirvend verdient, der der WvO noch als Schüler angehört, gleichzeitig aber bereits mitten im musikalischen Leben steht und unter dem Motto "Classic meets Rock" Erfahrungen in verschiedenen Orchestern gesammelt hat. Im Frack mit Taktstock und im Stil eines Generalmusikdirektors leitete er das Orchester und die Bigband und sorgte so für den sicheren musikalischen Hintergrund der gelungenen Aufführung. Die hervorragenden Blechbläser waren dabei eine Klasse für sich.

 

Solisten boten eine Klasse-Leistung

Doch was wäre eine solche Aufführung ohne die Solisten, die nicht von der Oper oder Operette "ausgeliehen" werden konnten? Sicherlich können bei einer derart großen Aufführung nicht alle Darsteller erwähnt werden, doch einige dürfen ganz bestimmt hervorgehoben werden. Die Hauptrolle des Amadeus sang und spielte Ingo Strauss mit Hingabe und Können. Die innere Zerrissenheit kam bei "Wie wird man seinen Schatten los?" oder "Warum kannst Du mich nicht lieben?" hervorragend rüber. Auch die Duette mit seiner Frau Konstanze in "Niemand liebt Dich so wie ich" begeisterten das Publikum. In diesem Zusammenhang darf auch Johanna Reeh hervorgehoben werden, die eine angenehme Sopranstimme besitzt, der die ständige Ausbildung anzumerken ist.

Vorzüglich interpretiert wurde auch der Vater Leopold, wobei Simon Müller mit seiner warmen Baritonstimme das Gebet für seinen Sohn und die Arie "Schließ Dein Herz in Ketten" wunderbar zu gestalten wusste.

Marc Hocke gab in der finsteren Miene des Erzbischofs Colloredo einen grausamen Vorgesetzten mit Würde und stimmlicher Überzeugung und wirkte auf dem erhöhten Podest genau so abweisend wie sein Handlanger Graf Arco, dem Jannik Lehr Stimme und Aussehen ver-lieh. Eva Christin Müller war eine teils traurige, teils lustige Schwester "Nannerl" mit geschulter Stimme, und Katrin Jacobi gab eine schillernde Baronin von Waldstätten. Thomas Wagner brachte als kauziger Emanuel Schikaneder mit einer Tanzgruppe a la Cabarèt ein Stück Gaudi und Originalität in die Oranien-Halle.

Diese Sequenz war ein gutes Beispiel für die an Höhepunkten reiche Aufführung. Wer allerdings ein Stück voller Musik von Wolfgang Amadeus Mozart hatte hören wollen, der mag enttäuscht worden sein. Im Mittelpunkt stand vielmehr das Leben des Genies mit allen Höhe- und Tiefpunkten. Die Darsteller porträtierten eindrucksvoll die verwirrende Zerrissenheit des Musikers und sorgten so für eine Aufführung, die nicht nur den Premiere-Gästen noch lange in Erinnerung bleiben wird.

Für die weiteren Veranstaltungen in dieser Woche (2.11., 5.11., 6.11., 7.11., 8.11., Beginn 20 Uhr, Einlass 19 Uhr) sind noch Tickets in der Wilhelm-von-Oranien-Schule, der Buchhandlung Rübezahl und an der Abendkasse erhältlich.

 

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