Schülerakademie Weimar 2006

Prolog

"Schülerakademie, was ist das denn?" war mein erster Gedanke, als ich gefragt wurde, ob ich nicht an diesem Programm teilnehmen möchte. Laut der offiziellen Beschreibung nämlich ist es ein Programm des Vereins Bildung und Begabung zur Förderung besonders begabter und motivierter Oberstufenschüler, wobei neben der Kursarbeit auf Universitätsniveau auch sportliche, musische und sonstige künstlerische kursübergreifende Aktivitäten angeboten werden. Teilgenommen habe ich daher mit leichten Bedenken.
Diese Definition ist zwar nicht direkt falsch und die genannten Betätigungen gehören zweifelsohne dazu, aber was meinen Aufenthalt in der Europäischen Jugendbildungs- und Jugendbegegnungsstätte Weimar (EJBW) vom 28.07 bis 06.08.2006 alles ausgemacht hat, waren bei weitem nicht nur die Arbeit im Kurs oder das Mitspielen bei der KüA-Theater (kursübergreifende Aktivität).

Ohne dies zu wissen musste ich mich vorher für einen Kurs entscheiden. Die meisten Angebote waren naturwissenschaftlicher Art; literarische oder philosophische Themen hingegen waren nicht so stark vertreten. Da sich meine Begeisterung für Naturwissenschaften in Grenzen hält und ich beim Durchblättern des Programmheftes mehrfach auf den Namen Dante gestoßen bin, mit dem ich absolut überhaupt nichts anfangen konnte, schien mir die beste Wahl der Kurs "Vergil rettet Dante – Die Verbindung von Antike und Christentum in der Göttlichen Komödie" zu sein, schließlich saugen Bildungslöcher, ähnlich wie ihre großen schwarzen Geschwister, Inhalt nahezu von alleine an. Die anderen Kurse in Weimar beschäftigten sich mit Immunbiologie, Selbstorganisation, Hurrikan Katrina, der kognitiven Grundlage von Stereotypen und Moralphilosophie.

Hauptteil

"Wer das Gelände verlässt, muss sich schriftlich austragen und hinterher wieder zurückmelden! Nach 22:00 darf das Gelände nur mit Sondergenehmigung verlassen werden! Der Konsum von Alkohol ist strengstens untersagt und (vermutlich mindestens ebenso bedeutend) von den Pfandflaschen sind die Etiketten nicht zu entfernen!"
Am Anreisetag wurden wir nach dem Bezug der schmucken Gartenhauszimmer im Plenum mit diesen Akademieregeln konfrontiert. Danach folgte eine kleine Vorstellungsrunde in den einzelnen Kursen, wobei sich herausstellte, dass fast alle Kursteilnehmer Schwaben oder Bayern waren (überhaupt war Süddeutschland in der ganzen Akademie gut vertreten). Das Programm sah an den meisten Tagen gleich aus: morgens konnte man frühstücken oder sich noch von der vorausgegangenen Nacht erholen, aber zum Morgenplenum sollte man pünktlich erscheinen (nachdem die Akademieleitung jeden Morgen irgendwen für zu spätes Erscheinen rügen musste, hat sie den großen Fehler begangen, an einem Morgen aufgrund exzessivem Verschlafens gar nicht zum Plenum zu erscheinen – problematisch, da sonst keiner etwas zu sagen hatte), wo organisatorische Dinge geklärt wurden oder die KüAs sich abgesprochen haben. Danach und am späten Nachmittag traf man sich dann in den einzelnen Kursen. Dazwischen und abends war Zeit für die unterschiedlichen KüAs, für Ausflüge in die Stadt oder andere Aktivitäten mit den übrigen Teilnehmern, die gerade auch nichts zu tun hatten.

Die Kurse
Mein Kurs trug nicht nur einen äußerst klangvollen Namen, sondern hatte auch inhaltlich einiges zu bieten. Es ging vor allem um Dantes monumentales Werk, die Wanderung des Ich-Erzählers durch die drei Jenseitsreiche des Ptolemäischen Weltbildes, den Aufstieg aus der Hölle (Inferno) über den Läuterungsberg (Purgatorio) zum Paradies (Paradiso). Bereits am Anfang begegnet dem Erzähler der römische Dichter Vergil, Dantes großes dichterisches Vorbild; die erste von vielen Begegnungen mit historischen (zum Beispiel Homer, Ovid, diverse Kirchenmänner) und fiktiven Figuren (Odysseus, der Minotaurus, Harpyien, Luzifer) in der Divina Commedia. Historische Bezüge wurden dabei ebenso erörtert wie literarische oder religiöse. Zwischendurch wurden dann auch Referate über mythologische, symbolische oder historische Hintergründe gehalten; ich selbst habe einen Textvergleich der Überquerung des Höllenflusses bei Dante und in Vergils Aeneis geleitet. Die Kursarbeit wurde dabei permanent von sich abwechselnden Teilnehmern dokumentiert; die Dokumentation von den Kursleiterinnen korrigiert und mehrfach von den Autoren überarbeitet.

Jeder Kurs hatte mit Vorurteilen zu kämpfen. Während "die Naturwissenschaftler" zusammengefasst wurden, waren die Geisteswissenschaftler noch unterteilt in "die Philosophen" (Kurs V – über Liebe & Moral) und die Teilnehmer von Kurs VI: "Die Dante-Leute" oder auch "Dantisten". Die Dantisten waren dem größten Mobbing ausgesetzt. Mit dem Thema wussten viele nichts anzufangen und deshalb haben die meisten Kurse die verschiedenen verächtlichen Klangmöglichkeiten vom Wort "Geisteswissenschaftler" geübt. Doch die Rache der Dantisten sollte früh genug kommen, denn gegen Ende der Akademie kam der "Tag der Rotation", dessen Erwähnung von allen Teilnehmern noch heute mit paranoiden bis ängstlichen Blicken gewürdigt wird.
Am diesem schicksalhaften Tag wurde der Morgen dazu genutzt, sich gegenseitig schichtweise die Kursinhalte vorzustellen. Mein erster Besuch galt den Selbstorganisatoren. Diese haben vorgestellt, wie sich einzelne Individuen aneinander orientieren und so ein ganzes Kollektiv gesteuert wird. Dabei mussten die "dummen Geisteswissenschaftler" grobe mathematische Fehler der Vortragenden korrigieren – ein Riesenspaß.
Danach ging es zu den Philosophen, die über die moralische Verantwortung Sokrates gegenüber seinen "Opfern" referierten, da dieser schließlich mehrfach das gesamte Weltbild seines Gegenübers zerstört.
Abschließend haben die Psychologen versucht, uns ihr Experiment zu erklären. Dieses beschäftigte sich mit dem "Priming", wonach Menschen unterschiedlich handeln, wenn vorher bestimmte Assoziationen hergestellt werden. Bei diesem Experiment wurden Teilnehmer aus anderen Kursen in verschiedenen Schichten zuerst mit neutralen, ordentlichen oder chaotischen Wörtern konfrontiert, danach wurde beobachtet, ob sie eine auf dem Boden liegende, leere Gummibärchentüte aufheben und wegbringen oder es eben nicht tun. Da unabhängig vom Priming wirklich niemand die Tüte auch nur schief angesehen hatte, war das Experiment völlig gescheitert.
In der vierten Schicht war dann meine Gruppe dran, den anderen (überschaubare zwei Besucher) die Commedia näher zu bringen.

Die KüAs
Ausschließlich von den Teilnehmern organisiert gab es eine Vielzahl von kursübergreifenden Aktivitäten. Neben verschiedenen Sprachkreisen (Chinesisch, Spanisch, Italienisch) gab es auch wirklich interessante Dinge wie Theater, Literatur oder Fotografie. Es gab natürlich auch Triviales wie eine Spiele-KüA oder KüA Putzen, sogar eine ruhmreiche Bande wurde gegründet mit Satzungen, Bandengruß und Aufnahmeprüfungen – daran kann man ganz gut das Pendeln zwischen geistigen Höhenflügen und kindlichem Spieltrieb erkennen, der bei einigen sehr ausgeprägt war.
Am wichtigsten ist natürlich das Theaterspielen gewesen. Aufgeführt wurden Teile aus Faust I, womit ich mich anfangs kaum anfreunden konnte. Um ein wenig Abwechslung in das Stück zu bringen, wurden zwei Szenen Improvisationstheater eingeführt, wofür wir zu zweit zuständig waren. Proben dafür fanden zwei statt, wirklich funktioniert hatte es aber erst bei der Aufführung.

Die Teilnehmer
Bedenkt man die eingangs geschilderte Beschreibung der Schülerakademie, könnte man auf die Idee kommen, auf realitätsferne Superhirne, auf verschlossene Einzelgänger oder Gleichaltrige, die schon längst nicht mehr mit Wasser, sondern mit ihrer puren Geisteskraft kochen, zu treffen – keines dieser Klischees konnte sich in irgendeiner Form bewahrheiten. Es gab verschiedenste Typen, der große Unterschied zu einer Schulklasse beispielsweise ist nur das Niveau, auf dem alles stattgefunden hat. Sämtliche Teilnehmer waren begeisterungsfähig und mit allen konnte man etwas anfangen.
So gab es im Dante-Kurs einen pöbelnden Bayern, der sich mit den Kursleiterinnen heftigste Wortgefechte geliefert hat – auf höchstem Niveau und mit einer beeindruckenden Schärfe. Außerhalb des Kurses hat er auch nächtelang über den selbst erfundenen Bottwop referiert und die Herrschaftspläne, die er als "Banden"führer verfolgte. Mit anderen konnte man bis spät nachts über alles von Sokrates bis Sartre reden (keine alphabetische, sondern chronologische Spanne).

Natürlich war der ein oder andere Teilnehmer doch etwas unscheinbarer und verschlossener, aber davon sollte man sich nicht täuschen lassen. Dörte Meyer, Dantekurs, klein, Brille, unauffällig hält ein Referat über Odysseus, das in die Akademiegeschichte eingegangen ist, das ihren Fanclub ins Leben gerufen hat. Das Zusammenspiel von Mimik, Gestik und Inhalten in Kombination mit selbst gemalten Bildern, genialen Sätzen, die kaum ohne eine Pointe auskamen und in einer rasanten Geschwindigkeit auf die Teilnehmer hagelten, und dem Überraschungsmoment, wenn man ihr sympathisch infernalisches Grinsen erblickt, ließen bei der Nachbesprechung des Referats solche Stimmen aufkommen: "Da denkst du dir, dass die stille Dörte jetzt ein Referat hält, bei dem man in Ruhe eine Runde schlafen kann und dann macht die so was. Ich wäre fast erstickt, weil ich vor lauter Lachen nicht zum Atmen gekommen bin."
Fast genauso komisch, wenn auch eher unfreiwillig, war der Karatemann. Dieser durchtrainierte Adonis musste durchgehend seinen Karategürtel zur Schau tragen, in jeden Satz mehr Fremd- als normale Wörter einbauen (wobei das leider auch nicht immer ganz korrekt war) und seine entsetzten Zimmergenossen über die Vorzüge des Nacktschlafens aufklären.

Der letzte Tag
Die meisten Tage verliefen nach oben genanntem Muster recht geordnet. Es gab eine Exkursion, in meinem Fall zu Schering, die eher uninteressant war, da uns nur die Verpackungsmaschine gezeigt wurde. Am Tag vor dem Abreisetag jedoch gab es zwei wichtige Veranstaltungen: die Theateraufführung und den Abschlussabend.
Die Theateraufführung war natürlich ein voller Erfolg. Die Faustszenen wurden toll gespielt, aber auch der Improvisationsteil war richtig klasse und uferte darin aus, dass Fausts Verjüngung in der Hexenküche in einer Kneipe parodiert wurde – der Zaubertrunk war Bier (gemäß den Akademieregeln natürlich alkoholfrei, was extra betont wurde, um die Regeln auf den Arm zu nehmen). Als ich dann das Tischtuch vom Tisch gerissen, zusammengerollt und karategürtelmäßig umgebunden, dabei noch laut gegrunzt und posiert habe, war das Publikum vollends begeistert von der Symbiose von Goethe, Akademieinsidern und dem Karatemann.
Der folgende Abend war dann der Höhepunkt der gesamten Akademie. Es gab Musikeinlagen, die Auswertung der Fotorally und kurzweilige Statements zu den vergangenen Tagen. Im Mittelpunkt standen jedoch die Beiträge, die die einzelnen Kurse zu leisten hatten. In unserem Fall war dies das göttliche Gericht: Verschiedene Sünder haben gegen die Akademieregeln verstoßen und wurden dementsprechend bestraft. Wer nicht zum Plenum erschienen war, die Pfandflaschen nicht zurückgegeben oder die Droge Kaffee im Übermaß konsumiert hatte, erhielt seine gerechte Strafe in Form von Doppelplenum, ewigem Flaschenaufsammeln oder einem permanenten Kaffeeflash.

Epilog

Die Teilnahme an der Schülerakademie war eine Bereicherung in vielerlei Hinsicht. Zum einen weiß ich jetzt endlich, wer dieser Dante ist und was er gemacht hat. Auch habe ich mal wieder ein bisschen Theater spielen und mich im Literaturkreis literarisch bilden können. Was die Akademie ausgemacht hat, waren aber vor allem die Menschen. Ohne den pöbelnden Bayern oder meine Lieblingsschwäbin, ohne Dörte und auch ohne den Karatemann, ohne die sympathischen Leiterinnen des Dante-Kurs Korinna und Susanne, deren Arbeit phänomenal war, wäre meine Zeit in Weimar nicht die gewesen, die sie schließlich war.