Brücken der Begegnung

Dillenburger Schüler erleben deutsch-tschechischen Austausch in Prag

Dillenburg/Prag. 30 Schüler und Schülerinnen der Wilhelm-von-Oranien-Schule-Dillenburg begaben sich auf Spurensuche nach Prag, um im Rahmen einer Studienfahrt ein Stück deutsch-tschechische Geschichte vor Ort kennenzulernen. Dabei wurden drei historische Kapitel aufgeschlagen: Die Gräueltaten des Dritten Reiches durch den Besuch Theresienstadts, das brutale Vorgehen der Sowjetführung im Prager Frühling mit einer themenorientierten Stadtführung sowie den Aufbruch in eine neue Zeit mit dem Besuch der Deutschen Botschaft. Möglich gemacht wurde das außergewöhnliche Programm durch die Kooperation mit der Brücke/Most-Stiftung.

Diese Stiftung hat sich seit ihrer Gründung im Jahre 1997 zur Aufgabe gemacht, die deutsch-tschechische Verständigung und Zusammenarbeit zu fördern. In diesem Zusammenhang bietet sie Schülerausflüge abseits kommerzieller Pfade an und schafft Raum für interkulturelle Begegnungen.

Die erste Etappe war sicherlich die schwerste und emotionalste für die Schüler der Leistungskurse Englisch und Geschichte der Jahrgangsstufe 12 mit ihren Lehrerinnen Birgit Lehr, Bettina Blachnik sowie Birgit Lowak und Kati Weigel. Denn er führte sie 60 Kilometer aus der tschechischen Hauptstadt hinaus in das ehemalige Konzentrationslager Theresienstadt, in dem in der Zeit von 1941 bis 1945 ca. 35000 Juden den Tod fanden. Weitere 85000 Menschen wurden von dort in die umliegenden Vernichtungslager gebracht.

Durch die Straßen der “toten” Stadt zu wandeln und mit eigenen Augen zu sehen, unter welch menschenverachtenden Bedingungen die Häftlinge im Gestapo-Gefängnis leben mussten, war für die Schüler nur schwer zu ertragen. Umso wichtiger war es, das Gesehene in einem Gespräch mit einer Überlebenden des Holocaust aufzuarbeiten. Die 88-jährige Zuzana Podmelova verstand es den Jugendlichen auf beeindruckende Weise ihre Lebensgeschichte nahe zu bringen. Die ehemalige Lehrerin gab den Schülern nicht nur ein Einblick in das Leben und Überleben in Theresienstadt, von wo aus ihre gesamte Familie in den Tod geschickt wurde, sondern sie begeisterte die Jugendlichen mit ihrer positiven und lebensbejahenden Art. “Mich hat es unglaublich fasziniert, dass jemand, dem so viel Schreckliches widerfahren ist, dennoch an das Gute im Menschen glaubt”, meinte Kito, Schüler des Leistungskurses Geschichte. Jenoy aus dem Leistungskurs Englisch erklärte, ihm habe das Gespräch wieder Hoffnung gegeben.

Auch auf der zweiten Etappe stand der deutsch-tschechische Austausch im Mittelpunkt. Deshalb begleitete die Schülergruppe zu den Schauplätzen des Prager Frühlings der tschechische Lehrer Miloslav Man, der an der Universität Passau am Projekt “Online-Module für grenzüberschreitenden Geschichtsunterricht” arbeitet. Er gab ihnen neben einem Einblick in das Jahr 1968 auch eine unterhaltsame Einführung in die tschechische Sprache.

Die letzte Etappe führte die Dillenburger Schüler in den Garten der Deutschen Botschaft, in dem sich 20 Jahre zuvor insgesamt 15000 verzweifelte DDR-Bürger versammelten, um den Weg in die BRD zu finden. “Eigentlich hatte ich gar keine Lust in die Botschaft zu gehen”, so die Schülerin Theresa, “aber dann hat es mich richtig überwältigt, was die Menschen damals durchgemacht haben, um in die Freiheit zu kommen”. Abschluss dieser kleinen aber bedeutsamen Zeitreise war das Gruppenfoto unter dem Balkon der Botschaft, von dem aus Hans-Dietrich Genscher die Ausreise für die Flüchtlinge bekannt gab.

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