Reflexion von Vanessa Sterzik zur Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen
Im Rahmen unserer Kursfahrt nach Berlin besuchten wir am 10.
09. 03 unter anderem das ehemalige Gefängnis der Staatssicherheit Hohenschönhausen.
Die Gedenkstätte befindet sich an einem Ort, der ganz besonders mit der
Geschichte politischer Verfolgung in der sowjetischen Besatzungszone und der
DDR verbunden ist. Nach dem 2. Weltkrieg wurde dort ein sowjetisches Internierungslager
errichtet und später das zentrale sowjetische Untersuchungsgefängnis
für den Osten Deutschlands.
Anfang der 50er Jahre übernahm dann die Geheimpolizei der SED das Gefängnis
und nutzte es bis 1990 als zentrale Untersuchungshaftanstalt das Ministeriums
für Staatssicherheit. Auf dem Gefängnisgelände befand sich ehemals
eine Großküche der Nationalsozialistischen Volkswohlfahrt (NSW),
Das 1938 erbaute Gebäude wurde im Mai 1945 von der sowjetischen Besatzungsmacht
beschlagnahmt und zu einem Internierungslager umgebaut. Das sogenannte „Speziallager
Nr.3“diente als Sammel- und Durchgangslager. 20000 Gefangene wurden von
dort aus in Gewaltmärschen oder auf Lastwagen in andere sowjetische Lager,
z.B. nach Sachsenhausen, transportiert.
Die Lebensbedingungen in Hohenschönhausen waren sehr schlecht. Die Aufnahmekapazität
von maximal 2500 Personen wurde zeitweise erheblich überschritten. Beispielsweise
waren im September 1945 über 4200 Menschen inhaftiert. Die hygienischen
Verhältnisse waren dementsprechend schlecht und die Verpflegung unzureichend.
Da die Häftlinge keine Decken bekamen, litten sie im Winter zusätzlich
unter extremer Kälte in den unbeheizten Räumen. Viele erkrankten an
Epidemien und Mangelkrankheiten.
Belastend war auch die Ungewissheit über ihr weiteres Schicksal und der
Zwang der monatelangen Untätigkeit.
Nach den offiziellen Angaben der Sowjets starben zwischen Juli und Oktober 1946
über 880 Menschen, Schätzungen gehen jedoch von über 3000 Toten
aus. Die Leichen wurden in der Umgebung in Bombentrichtern, Karbidkalkgruben
und auf Schuttabladeplätzen verscharrt.
Erst in der 80er Jahren wurden Überreste von mehr als 250 Menschen auf
dem nahegelegenen Friedhof in der Gärtnerstrasse nachbestattet. Heute erinnert
dort ein Mahnmal an sie.
Interniert wurden jedoch nicht nur zahlreiche Nicht- Deutsche (vor allem Polen
und Russen), sondern auch Frauen und Jugendliche. Der jüngste namentlich
bekannte Internist war 13 Jahre alt. Die Internierten wurden oft jahrelang festgehalten
oder von sowjetischen Militärtribunalen verurteilt- ohne eine Möglichkeit
sich zu verteidigen.
Nach der Auflösung des „Speziallagers Nr.3“ im Oktober 1946
wurde das Fabrik- Gebäude zum zentralen Untersuchungsgefängnis umgebaut.
Im Keller der ehemaligen Großküche wurden unterirdische, bunkerartige
Zellen errichtet:
Das sogenannte „U- Boot“. Die feuchtkalten Zellen waren nur mit
einer Holzpritsche und einem Kübel ausgestattet- eine Glühbirne leuchtete
Tag und Nacht.
Die Verhöre fanden vor allem Nachts statt und waren von Drohungen, Beschimpfungen
und körperlicher Gewalt begleitet. Ehemalige Häftlinge berichten später,
wie sie durch psychische Folter, Schlafentzug, stundenlanges Stehen, tagelangem
Arrest oder Aufenthalt in speziellen Wasserzellen zum Geständnis erpresst
wurden. Zu den Inhaftierten zählten neben NS- Verdächtigen vor allem
Mutmaßliche politisch- ideologische Widersacher. Jedoch reichte es oftmals
bereits aus, die falsche Musik zu hören, oder die falsche Kleidung zu tragen
um festgenommen zu werden.
Die meisten von ihnen wurden später zu jahrelanger Zwangsarbeit verurteilt.
Nach der Gründung des Staatssicherheitsdienstes übernahm dieser im
März 1951 das Kellergefängnis . In den 50er Jahren litten dort viele
Menschen, die sich der kommunistischen Diktatur nicht widerstandslos unterworfen
hatten.
Anfang der 60er Jahre mussten Häftlinge auf dem Gelände einen Neubau
mit über 200 Zellen und Vernehmungszimmern errichten, der fortan als zentrales
Untersuchungsgefängnis der Stasi diente. Nebenan entstanden ein Krankenhaus
und später ein Hochhaus für die Vernehmungsabteilung des Ministeriums
für Staatssicherheit (MfS).
In dem riesigen Gefängniskomplex wurden vor allem Menschen festgehalten,
die politisch verdächtig erschienen oder die DDR illegal verlassen wollten.
Statt mit Physischer Gewalt wurden die Häftlinge wieder mit psychologischen
Methoden zermürbt. Über den Ort ihrer Haft wurden sie bewusst nicht
informiert und die Gefangenentransporte (oft als Lieferwagen getarnt) fuhren
bewusst Umwege, um den Gefangenen die Orientierung zu nehmen.
Von der Aussenwelt und den Mitgefangenen abgeschottet, wurden sie durch speziell
ausgebildete Vernehmer so lange verhört, bis sie die gewünschten Aussagen
machten.
Erst nachdem das MfS aufgelöst wurde, verbesserten sich die Haftbedingungen
grundlegend. Am 04. Oktober 1990 wurde das Gefängnis Hohenschönhausen
endgültig geschlossen.
Der ehemalige inhaftierte Mike führte unseren Kurs durch die Gebäude.
Seine persönlichen Empfindungen, an denen er uns teilhaben ließ,
waren sehr bewegend. Die Schicksale von seinen Mitgefangenen und ihm selbst
waren so erschreckend wie interessant zugleich, und gaben uns erstmals die Gelegenheit
hinter die Kulissen der Gewaltherrschaft und ihren Folgen zu schauen.
Dieses Thema nimmt meiner Meinung nach einen besonderen Platz in unserer Gesellschaft
ein, weil es ein Thema ist, das niemals in Vergessenheit geraten darf- auch
in den nächsten Generationen nicht, um zu verhindern, dass so etwas noch
mal passiert.
Diejenigen, die an einer Führung durch diese Gedenkstätte teilgenommen
haben, sind aufgefordert darüber nachzudenken und sich in der damalige
Zeit hinein zu versetzen. Jeder von uns hätte es damals sein können,
ob schuldig oder nicht- wer nicht ins Bild passte, musste eben aussortiert werden.