Artikel von Ulrike Rau über die Fahrt
Schüler im Gespräch mit Klaus Wowereit
Zu Besuch beim Regierenden
Berlin - eine „junge Hauptstadt“ zwischen Geschichte [Tradition]
und Zukunft
In Begleitung von Zeitzeugen waren Geschichtsleistungskurse
der Wilhelm-von-Oranien Schule Dillenburg und der Goetheschule Wetzlar mit ihren
Lehrkräften Martin Hinterlang und Ulrike Rau auf den Spuren deutscher Geschichte
in Berlin unterwegs. Ein Höhepunkt dieses vom Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold
e. V. und dem August-Bebel-Institut veranstalteten Seminars war der Empfang
im Roten Rathaus. Die Schüler nutzten die Möglichkeit, den Regierenden
Bürgermeister von Berlin, Klaus Wowereit, intensiv zur Entwicklung Berlins
seit der „Wiedervereinigung“ zu befragen.
Die ökonomische Situation der Hauptstadt im Verhältnis zum übrigen
Land sei in Europa in ihrer großen Spanne einzigartig. Nach der Wende
seien über 300.000 Arbeitsplätze verloren gegangen. In West-Berlin
habe sich dies besonders durch den Wegfall steuersubventionierter Betriebe bemerkbar
gemacht. In Ost-Berlin sei die Entwicklung wie auch sonst im Rest der ehemaligen
DDR verlaufen. Die Visionen von Anfang der ´90er Jahre seien die Schulden
von heute. Derzeit habe Berlin ca. 50 Milliarden Euro Schulden, dazu kämen
Zinsen in Höhe von 2 bis 3 Milliarden Euro, so der Regierende Bürgermeister.
Es sei kein schneller Euro zu machen, sondern längerer Atem nötig.
Doch dabei seien die Kosten für Investitionen im deutschen und europäischen
Verhältnis günstig, führte Wowereit aus. - In den letzten 10
Jahren seien zwar zahlreiche Menschen ins Umland gezogen, doch durch den Neuzuzug
von ca. 1 Million Menschen habe sich die Bevölkerungszahl insgesamt halten
können. Derzeit lebten in der internationalen Metropole Berlin ca. 190
Nationen. „Berlin ist eine offene, junge, dynamische und hoffentlich kreative
Stadt“, nach Wowereits Einschätzung. 50 Prozent der Bevölkerung
in dieser noch nicht fertigen, dynamischen Hauptstadt seien unter 35 Jahren.
Ist Berlin als Hauptstadt akzeptiert? Es fehle noch deutlich an Emotionalität für Berlin als Hauptstadt, ließ Wowereit die Schüler wissen. Im Westen Deutschlands bestehe wegen Bonn immer noch ein gespanntes Verhältnis. In Ostdeutschland herrsche vielfach gegenüber Berlin eine eher reservierte Haltung, weil in der zu DDR immer zuerst alles nach Ostberlin gegangen sei, so dass schließlich in den ländlichen Regionen nichts mehr angekommen sei.
„Berlin als Brücke von Ost nach West - das kommt nicht von alleine,
aber es sind Chancen da“. Wegen seiner geographischen Lage komme Berlin
eine zentrale Rolle mit Blick auf den kulturellen und wirtschaftlichen Austausch
mit Ost-Mittel-Europa zu. Doch „das muss erst verstanden werden, wir schauen
immer noch nach Westen.“ Dabei sind es nur 70 km bis zur polnischen Grenze.
Viele fahren dort hin und auch Wowereits erste Amtsreise ging nach Polen. Der
EU-Beitritt Polens eröffne hier viele Möglichkeiten.
Als sich Wowereit positiv für Studiengebühren aussprach, stieß
dies bei den Schülern auf Unverständnis und führte zu lebhafter
Diskussion. In Berlin studierten derzeit etwa 135.000 Studenten auf 85.000 finanzierten
Studienplätzen. Geld für die Universitäten könne nicht ausschließlich
vom Staat kommen, sondern müsse auch von Studierenden aufgebracht werden.
Dabei sollte über sog. Creditpoints eine bestimmte Semesteranzahl kostenlos
sein, danach müsse gezahlt werden. Ein solches System solle auch ein anderes
Verhältnis zwischen Lehrenden und Lernenden befördern, insgesamt zu
einer inhaltlichen Profilierung führen.
Dass einem in Berlin Geschichte auf Schritt und Tritt begegnet und zur Auseinandersetzung
mit ihr auffordert, spürten die Schüler auch bei den sonstigen Programmpunkten
des Seminares. Der Weg führte bewusst zu Orten, die bei üblichen Berlin-Besuchen
eher selten aufgesucht werden. Im „Haus der Wannseekonferenz“ ist
die Geschichte der Judenverfolgung im Dritten Reich eindrucksvoll dargestellt.
In dieser idyllisch gelegenen Villa wurde im Januar 1942 die sog. „Endlösung
der Judenfrage“ beschlossen, woraufhin verstärkt die Züge in
die Vernichtungslager rollten, das Töten gleichsam zu einer maschinellen
Angelegenheit wurde.
Einen unvergesslichen Einblick in die Geschichte der DDR vermittelte der Besuch
des ehemaligen Stasi-Gefängnisses in Berlin-Hohenschönhausen. „Die
DDR-Shows zeigen nur die positiven Seiten, ohne das wahre Gesicht zu offenbaren“,
bemerkte eine Schülerin. Bei der „hautnahen“ Führung durch
einen ehemaligen Häftling „bekam man mehr Verständnis dafür,
wie die Menschen unter der Diktatur in den Gefängnissen leiden mussten
und wie der Willen der Menschen dort gebrochen wurde“, äußerste
ein Schüler.