"Was ist nötig, um uns in Täter zu verwandeln?"

Wissen ist eine Grundvoraussetzung, um Wiederholungen zu verhindern

Wir kehrten zurück aus Buchenwald, und nicht selten wurden wir gefragt, warum wir für ein solches Projekt unsere Zeit opfern würden. "Wozu? Was soll das bringen? Setzt man sich nicht freiwillig großer seelischer Belastungen aus? Das ist doch alles schon so lange her! Was haben wir noch damit zu tun? Wir werden täglich überflutet von Informationen und Erkenntnissen, die uns nachdenklich machen sollten, aber ist es nicht irgendwann genug? Das muß es doch sein. Wir wollen vergessen - endlich."

Aber nicht nur die Auseinandersetzung mit der nationalsozialistischen Vergangenheit motivierte uns. Über unsere Bildschirme laufen Bilder aus Mölln, Solingen und Rostock, rechtsextreme Parteien erhalten hohe Stimmenanteile und im benachbarten Ex-Jugoslawien - so die Times - werden während des Krieges Konzentrationslager errichtet. Da wird Vergessen unmöglich, sogar illegitim.

Unsere Gruppe besteht aus Jugendlichen, die so wie alle anderen auch mit der historischen Thematik schon allein durch die Schule vertraut waren, die teils aufgrund familiengeschichtlicher Recherche mit einem Häftlingsschicksal, einer SS-Karriere oder mit dem Mitläufertum ganz gewöhnlicher Deutscher konfrontiert wurden.

Schwer ist es, nach Hause zurückzukehren

Das persönliche Interesse eines jeden einzelnen und die innere Bereitschaft, einen Ort wie Buchenwald zu besuchen, waren somit vor allem die Voraussetzung, um an einer Projektfahrt dieser Art teilzunehmen. Schwer ist es, zurückzukehren und nach einiger Zeit zu merken, etwas gelernt zu haben und doch zu wissen, daß der eigene Verstand scheinbar nie ausreichen wird, Buchenwald in seiner ganzen Komplexität zu erfassen.

Die Grundmotivation, die uns zu dieser intensiven Auseinandersetzung mit dem Ort und seinen weitreichenden Verzweigungen bewog, ist jene, die auch die Aufklärung in den Medien, in der Schule, in Literatur und Kunst seit den späten 60er Jahren bestimmt - die Auseinandersetzung wider das Vergessen, daß solche Verbrechen an der Menschheit und wider die Menschlichkeit nie wieder von Menschen begangen werden.

Humanistische Bildungswerte und das Schaffen politischer Verantwortung können an einer Beschäftigung mit der organisierten Massenvernichtung der Nazis nicht vorbeiführen, der Entschluß aber, nach Buchenwald zu fahren, ist ein individueller, einerseits von geschichtlichem Interesse und andererseits von der emotionalen Frage nach dem Warum abhängig.

Da sieht man zunächst die Opfer auf Photos, Zeichnungen. Alltagsgegenstände aus ihrem Lagerleben, Dokumente und Geschichten beleben die Vorstellungen über die Verhältnisse und Lebensbedingungen der Häftlinge. Jedoch nachfühlen, nachempfinden können wir ihr Leid und ihre Qual nicht - unsere einzigen Ventile bleiben Trauer, Wut, Hilflosigkeit, bare Betroffenheit.

Dann die Täter - möglicherweise unsere Großväter und Urgroßväter, deren Motive und Verflechtung in das Terrorregime schwer zu ergründen sind. Warum leisteten sie keinen Widerstand im Angesicht offenkundiger Vergehen gegen jegliche moralischen Prinzipien und Grundrechte eines jeden Menschen?

Sie machten sich an Orten wie Buchenwald nicht nur zu willigen Vollstreckern, sondern einige von ihnen litten unter den Befehlen, die sie auszuführen hatten, während andere wiederum ihren eigenen unfaßbar brutalen Sadismus auslebten. Und doch Menschen, ohne Zweifel Menschen, wie wir ihnen heute täglich begegnen, und die uns ähnlicher sein mögen, als wir es vielleicht gerne zugeben würden.

Auseinandersetzung mit Gesellschaftsstrukturen

Was war nötig, um aus ihnen die so funktionierenden Instrumente eines menschenfeindlichen Unrechtsstaats zu machen? Was ist nötig, um uns in ebensolche Täter zu verwandeln?

Sich mit diesen Fragen zu beschäftigen, sich mit den entscheidenden Tiefen der menschlichen Psyche auseinanderzusetzen - ebenso mit den gesellschaftlichen Strukturen, bedeutet, sich mit jedem Stück neugewonnener Erkenntnis weiter von der Möglichkeit des großen Traumas - einer Wiederkehr dieser Ereignisse - zu entfernen, und vor allem zu wissen, warum. Vergessen, das können wir nicht.

Tobias Nosek und Benjamin Wagner

14 Gymnasiasten aus Dillenburg und Herborn nahmen teilVerhöhnung der Opfer durch Besucher

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