Besuch der Wanderausstellung "Volk auf dem Weg –

Schicksalsweg der Deutschen in Russland"

im Hessischen Landtag

Auf eine persönliche Einladung von Herrn Georg Michel an Herrn Eckhard Scheld hin, haben die Klassen 9e, der 12 GK-Leistungskurs und vier  russlanddeutsche Schüler der WvO diese Ausstellung am 9.03. besucht.

Der Hessische Landtag präsentiert vom 16.02.-24.03.2000 die Wanderausstellung "Volk auf dem Weg - Schicksalsweg der Deutschen in Russland". Die Schülerinnen und Schüler der WvO verknüpften diese Gelegenheit mit einer Schloss- und Plenarsaalbesichtigung sowie einem Besuch der russisch-orthodoxen Kirche und deren Friedhof auf dem Neroberg. Die Ausstellung wurde uns von Herrn Georg Michel vorgestellt. Er war einer von elf Mitgliedern der ersten Delegation der Russlanddeutschen, die den damaligen Vorsitzenden des Obersten Sowjets, A.S. Mikojan um die Wiederherstellung der autonomen Wolgarepublik baten.
Die mit Texten, Modellbeispielen (Bauernhofkonstruktion) und Fotografien versehene Darstellung umfasst eine Zeitspanne zwischen der zweiten Hälfte des 18 Jh. bis zur Gegenwart. Mit dem Erlass aus dem Jahr 1763 der russischen Zarin Katharina II, die selbst eine Deutsche war, wurden zur Gewinnung deutscher Bauern zur Begründung geschlossener agrarischer Siedlungen den Kolonisten zahlreiche Privilegien zugesichert. Musterbeispiele dieser Einwanderungspolitik konnte man im Laufe der Zeit in Wolhynien, der Schwarzmeer-Region und besonders an der Wolga beobachten. Da die deutsche Bevölkerung nicht gezwungen war, sich mit den Russen zu assimilieren, konnten deutsche Siedlungen ihr Schul-, Zeitungs- und Kulturwesen entfalten.
Aufgrund des breiten Zuflusses an Einwanderern wurden die beachtlichen Privilegien eingeschränkt, wobei die Siedler auch gewaltsame Überfälle der einheimischen Bevölkerung, wie der Krimtataren, zu erleiden hatten. Mit Durchhaltevermögen schaffte jedoch die deutsche Bevölkerung es, sich zu einer wohlständigen Nation zu entwickeln. Doch das Glück währte nicht lange. Schon zu Zeiten Nikolaus II., des letzten Zaren von Russland, wurden Deportierungen von 50.000 Wolhyniendeutschen im Jahre 1915 nach Sibirien zwangsvollstreckt. Weitere von der zaristischen Regierung geplante Deportationen konnten wegen der Machtübernahme der Kommunisten im Jahre 1917 nicht stattfinden. Die an die Macht gekommene Regierung veranlasste 1924 die Gründung der Autonomen Sozialistischen Sowjetrepublik der Wolgadeutschen - das Absurde daran ist, dass Stalin damals für Nationalitätsfragen zuständig war. Bereits kurze Zeit später konnte man deutliche Fortschritte im Bereich der wirtschaftlichen Lage und des Schulwesens feststellen, wo das Analphabetentum vollständig beseitigt wurde. Doch auch diese verbesserte Lage konnte sich nicht über einen längeren Zeitraum erhalten, da die Kommunisten die "Entkulakisierung" der reichen Bauern und Gutsbesitzern einleiteten. Da zu diesen viele Deutsche gehörten, waren sie stark von der Enteignung betroffen.
Die größte Katastrophe in der Leidensgeschichte der Russlanddeutschen leitete der Angriff des Nazideutschlands auf die Sowjetunion am 22 Juni 1941 ein, worauf aus dem westeuropäischen Teil Russlands Deportationen ansetzten. Die Anschuldigungen lauteten "Sabotage, Spionage und Kollaboration" mit der deutschen Besatzungsarmee, wobei die Regierung dies als humanitäre Präventivmaßnahme hisste. Die größte betroffene Gruppe stellten die Wolgadeutschen dar - 400.000 von den insgesamt 650-700 Tausend (Juli bis Oktober 1941) Zwangsdeportierten. Alle Betroffenen wurden in Viehwaggons in vier bis acht Wochen Transportzeit nach Sibirien und Zentralasien befördert. Alte, Kinder und Kranke starben bei den menschenunwürdigen Verhältnissen. Dort angekommen, waren die Überlebenden in "spezposelenija" (Zwangsansiedlung) unter den elendesten Bedingungen untergebracht. Arbeitsfähige Männer wurden sofort zur "trudarmija" (Arbeitsarmee) einberufen, schon 1942 folgten ihnen auch die Frauen. Nicht viele überlebten die Kälte, den Hunger und die Schwerstarbeit. Die Verschleppung aus der Wolgarepublik ins Altai-Gebiet hatte auch die Familie G. Michels zu erleiden. Der Vater von Georg Michel wurde als Waldarbeiter in den Ural verschleppt. Die Mutter durfte bei ihren fünf Kinder bleiben und kümmerte sich zusätzlich um die hinterbliebenen drei Kinder von seiner Tante, die zur "trudarmija" eingezogen wurde.
Zwar wurde die Zwangsansiedlung 1955 und der Vorwurf zur Kollaboration mit Nazi-Deutschland am 29. August 1964 von Chruschtschow zurückgenommen, jedoch fand eine Wiederbegründung der autonomen Wolgarepublik nicht statt. Dies war ausschlaggebend für die Gründung der ersten Delegation, die im liberalen Kurs Chruschtschows (Einleitung des Tauwetters mit dem XX. Parteitag im Februar 1956), die Hoffnung auf die Wiederbegründung der Wolgarepublik sahen. Mit einem Umsturz der Regierung Chruschtschows, leitete Breschnew eine Verhärtung der Politik ein. Was auch die deutsche Minderheit betraf.
Georg Michel organisierte mit 10 weiteren Russlanddeutschen die erste Delegation vom 2. bis 14. Januar 1965 nach Moskau, wo ein Gespräch mit dem Vorsitzenden des Obersten Sowjets, Anastas Mikojan, zustande kam. Nach der Rückkehr ins Altai-Gebiet, erfährt er unter der Anwendung von Psychoterror, dass er bereits auf der Beobachtungs- und Fahndungsliste der Staatsanwaltschaft steht. Das KGB lädt ihn mehrmals zu Verhören vor. Außerdem wird er öffentlich dazu aufgefordert, seine Gesinnung zur Frage der autonomen Wolgarepublik zu ändern. Er fürchtet die möglichen Auswirkungen, wie Gehirnwäsche in einer geschlossenen Anstalt und sieht 1972 als einzigen Ausweg aus dieser verhängnisvollen Situation die Flucht nach Westdeutschland. Seine Befürchtungen wurden anhand von I. Bug, auch Mitglied der ersten Delegation, bestätigt, dessen psychische Verfassung dem Druck von außen, wie z.B. Fenstereinschlagen, "Hakenkreuz-Schmierereien" nicht standhalten konnte.
Aus dem Altai nach Kirgisien gelangt Michel über eine abenteuerreiche Reise nach Wien, wo er bei der Deutschen Botschaft Zuflucht findet. Von dort aus kommt Georg Michel in einem Kofferraum eines PKW (!) am 9. Oktober 1972 nach Passau, von wo aus er in ein Aufnahmelager kommt. Später stellt er den Antrag auf Familienzusammenführung, welche diesem 1975 auch erfolgreich folgt - seine Eltern können dies jedoch nicht mehr miterleben.
In einer Korrespondenz mit dem Bundeskanzler Willy Brandt vom Jahre 1973 lässt sich das Mitgefühl für das deutsche Volk erkennen. Hierbei setzt sich Michel für eine Intensivierung der Aussiedlerpolitik ein. Die Erfüllung "[der] Hoffnung aller Sowjetdeutschen auf eine Rückkehr in ihr Heimatland", sei für Michel in seinem Schreiben von höchster Wichtigkeit, da die "Möglichkeit, dass die Deutschen ihre Eigenständigkeit in der Sowjetunion bewahren, nicht gegeben [war]". Auch heute trägt Georg Michel zur besseren Integration der Russlanddeutschen in die Bundesrepublik ein, indem er z.B. die Ausstellung "Volk auf dem Weg" präsentiert, die er mit eigenen Lebenserfahrungen lebendig anreichert. Außerdem bearbeitet er Ausreiseanträge auf ihre Berechtigung hin und arbeitet als Dolmetscher beim Hessischen Landtag.

Von Wladislaw Stybin und Natalia Wilhelm

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