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"Schicksalsjahre in Sibirien"
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Das weite Sibirien, eine Landschaft der Einsamkeit und Öde. Eine Umgebung
der Kälte und des Schnees soweit das Auge reicht.Hier setzt im Jahre 1962 am
Fluß Oljokma die Geschichte an. Die 17jährige Nadja, wie sie später
erfährt,Tochter einer Ukrainerin und eines Deutschen sitzt träumend in der
einsamen Taiga, sehnt sich nach einem aufregenden Leben in der Stadt. Sie
lebt mit ihrer Großmutter und ihrem Stiefvater Dimitrij in einem Fährhaus,
weit abgeschnitten von aller Zivilisation, denn nur im Sommer trifft sie
Touristen, die über den Fluss geführt werden.
Zeitgleich macht sich der Moskauer Geologe Sergej Orjol auf nach Sibirien, um
Edelmetalle in den Gesteinsschichten zu suchen. Doch nicht nur dabei hat er
Erfolg. Sergej trifft auf Nadja, sie verlieben sich ineinander und sie geht
mit ihm nach Moskau.Von Sergejs Familie verstoßen, kehren die beiden
ausgemergelt nach Sibirien zurück. Es herrsch eiskalter Winter und sie
kämpfen sich durch die Wildnis. Die hochschwangere Nadja verliert in diesem
Kampf ihren Ehemann und schafft es mit allerletzter Kraft, ihr Kind zu
gebären.
Nach einiger Zeit jedoch bekommt sie Probleme mit der Verwandtschaft ihres
verstorbenen Mannes, die nun das Kind haben wollen. Unter Anklage gestellt,
muss Nadja Gefängnis und Zwangsarbeit überstehen. Bis sie mit ihrem neuen
Ehemann Eduard und ihrem Sohn endlich in die Bundesrepublik ausreisen kann,
muss sie eine Menge weiterer Schwierigkeiten meisterrn und verbissen um ihr
Leben und ihr Recht kämpfen.
Hier ein Auszug, in dem die Großmutter
Nadja die Wahrheit über ihre Mutter und ihre Herkunft erzählt.
"...Wer weiß, vielleicht plaudert mal ein Fährgast, der um ihre
Herkunft wußte, sinnierte die Großmutter weiter. Es wäre besser, es ihr
selbst zu sagen. Heute, jetzt gleich...
Die alte Frau zitterte bei diesem Gedanken.
Doch dann hatte sie sich gefaßt. Sie wollte, ja durfte diese Gelegenheit
nicht ungenutzt verstreichen lassen. Nadja liebte ihren Vater tief und innig;
wenn sie erfuhr daß er ihr Stiefvater war, würde sich daran nichts ändern.
Dessen war sich die Großmutter sicher.
"Nadja, mein Täubchen, heute will ich dir von deiner Mutter erzählen. Es
fällt mir nicht leicht, darüber zu sprechen. Die alten Wunden werden wieder
aufgerissen, die die Zeit geheilt hat. Doch du bist als genug und sollst die
Wahrheit erfahren. Es ist schon viele Jahre her. Damals, es war 1941, lebten
dein Großvater und ich in einem Dorf am Dnjepr. Unsere Tochter Marfa, deine
Mutter, war fünfzehn Jahre alt. Da brach der Krieg aus. Mein Mann war einer
der ersten, die ihr Leben fürs Vaterland geben mußten.
Als die deutschen Soldaten in unser Dorf kamen, haßte ich sie am Anfang
dafür. Aber die Deutschen waren nicht schlecht; sie fanden zu uns Ukrainern
schnell ein freundschaftliches Verhältnis. Der Krieg wurde immer schlimmer,
wir waren froh, als die Deutschen sich aus Rußland zurückzogen. Allerdings
hatten wir am Ende des Krieges noch einmal Einquartierung. Ein hübscher,
junger Soldat war mit zwei älteren Kameraden bei uns untergebracht. Daß
unsere Tochter, die inzwischen achtzehn Jahre alt geworden war, sich auf
Anhieb in den jungen Soldaten verliebt hatte, merkte ich leider viel zu spät.
Das war November 1944.
Als die Deutschen abzogen, war Marfa wie von Sinnen. Nur mit Mühe konnte ich
sie davon abhalten, ihrem Klaus zu folgen. Wäre mein Bruder mir nicht zur
Hilfe geeilt, so wäre sie fortgegangen. Wir sperrten sie in den Keller, bis
unser Militär einzog. Das war der größte Fehler meines Lebens, denn Marfas
beste Freundin zeigte sie beim Selsowjet (Oberste Behörde) an, wo man ihr die
Freundschaft mit einem Deutschen als Vaterlandsverrat anrechnete. Sie wurde
gleich verhaftet und ins Gefängnis gebracht.
Zuerst wußte ich nicht, wo sie war. Nach wochenlangem Suchen fand ich sie im
Gefängnis von Militopol. Ich versuchte alles, um sie besuchen zu können,
wurde aber immer wieder abgewiesen. Tagelang trieb ich mich vor dem Gefängnis
herum. Nachts schlief ich im Wartesaal des Bahnhofes. Dabei mußte ich sehr
vorsichtig sein, daß die Miliz mich nicht entdeckte.
Durch Bestechung fand ich den Verhandlungstermin heraus. Ich versuchte,
hineinzulangen, aber die Miliz hinderte mich daran. Sie nahmen jedoch meine Personalien
auf und notierten meine Bitte, daß ich mit meiner Tochter in die Verbannung
gehen wolle. Daß Marfa verbannt würde, war sicher. Anfangs wollte man mich
nicht mitlassen, der Milizionär sagte zu mir, ich solle doch froh sein, daß
die Sowjetregierung mich von einem solchen Volksfeind befreie! Ich gab nicht
nach, schließlich ließen sie mich doch zu deiner Mutter. Es war nicht mehr
meine kleine, lustige Marfa, die ich vorfand - ein Häufchen Elend lag an
meiner Brust. Als ich dann erfuhr, daß sie ein Kind erwartete, erkannte ich
vollends meinen Fehler. Hätte ich sie mit Klaus ziehen lassen, wäre sie jetzt
in Sicherheit. Ich konnte tagelang nur weinen um mein Kind. Mein Leid war
unbeschreiblich. Jetzt durfte ich sie erst recht nicht alleine in die Verbannung
gehen lassen. Sie wurde zu zehn Jahren Zwangsarbeit verurteilt, und nach der
Geburt sollte ihr das Kind abgenommen werden. Marfa sprach nicht viel, ihr
Blick war leer, sie konnte auch nicht weinen. Manchmal hatte ich das Gefühl,
sie lebe gar nicht mehr. Ich habe alles versucht, um mit meinem Kind in die
Verbannung zu gehen. Erst als ich einen KGB-Mann gehörig beschimpft hatte,
verurteilte man auch mich zu zwei Jahren Verbannung, aber nicht mit Marfa
zusammen- wir durften im selben Zug bis Nowosibirsk fahren, doch dann sollten
wir getrennt werden. Ich war zur Verbannung verurteilt worden mit der
schwangere Marfa zur Zwangsarbeit..."
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