Der Zug in die Freiheit

 

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"Aljoscha-ein Junge aus Krivoj Rog"

Genau wo Wölfe und Sonnenblumen aufgehört hat, setzt dieses Buch an. Nelly ist alleine mit ihrer Mutter in Polen angekommen, nachdem sie sich dem großen Treck nach Deutschland angeschlossen hatten. Der Vater war bereits nach Sibirien verschleppt worden, die Brüder waren nun auch irgendwo alleine auf dem Treck unterwegs.
Wronke heißt die Stadt, in dessen Nähe Nelly und ihre Mutter nun etwas Frieden finden, ein eigenes warmes Wohnhaus und Schule für Nelly. Sie verliebt sich regelrecht in ihr neues Zuhause, die freundlichen Leute. Und der Gedanke an eine Weiterreise, nun, wo Frieden herrscht, gefällt ihr nicht. Doch in der Schule hängt sie den anderen weit hinterher, schafft es nicht, sich richtig zu integrieren. Da erteilt der Direktor ihr einen Rat, und zwar in ein Landjahrlager, eine Art Internat mit praktischem Unterricht zu besuchen. Dort kommt Nelly hin, und berichtet von Freundschaften und auch von der Konfrontation mit den Polen, die damals für die Deutschen als Feinde galten. Sie wehrt sich jedoch verbissen gegen solche Feindbilder, erhebt kein einziges Mal ein schlechtes Wort gegen gängige Sündenböcke, sondern nimmt diese daraufhin um so mehr in Schutz

In dieser Zeit muss ihre Mutter weg aus Polen, zurück ins Altreich, wie man Deutschland nannte. So bleibt Nelly als 15jährige alleine zurück. Bis sie es schafft, ihre Familie in Schwäbisch Gmünd in Deutschland wiederzufinden, muss sie noch einige Erfahrungen sammeln und verbissen für sich kämpfen.
Die Autorin verwendete in ihren beiden Autobiographie-Teilen "Wölfe und Sonnenblumen" und " Der Zug in die Freiheit" bewußt eine einfache und verständliche Sprache, was auch einen Teil des Reizes ausmacht. Der Leser fühlt sich nicht durch verwickelte Sätze à la Kleist überrumpelt, noch durch russische Fremdwörter wie Kascha verwirrt, denn diese werden in Fußnoten erläutert. (Kascha = Brei, Grütze). Die Begebenheiten scheinen für uns unvorstellbar, denn sowohl Religions- wie auch Redefreiheit sind nun Grundrechte der Menschen. Doch damals wurden Menschen allein für ihre deutsche Abstammung bestraft. Der Zusammenhalt und die Kraft, die sie dabei aufbrachten, lässt einen immer aufs neueste staunen.

Auszug aus "Der Zug in die Freiheit"

...Im Außendienst gab es viel Arbeit: der Flachs mußte ausgezogen werden, und das war hart. Der Bürgermeister besaß auch ein riesiges Flachsfeld und erwartete von uns, daß wir alle zusammen dieses Feld an einem Tag abernten würden. Morgens um sieben Uhr verließen wir vierzig mit den Führerinnen das Schloß. Auf dem Feld angekommen, zeigte uns die Bürgermeisterin, wie wir es zu machen hatten. Singend gingen wir an die Arbeit. Hitlers Jugend sang immer bei der Arbeit. In der Vesperpause gab es reichlich belegte Brote und Tee. Als ich mich mit allem gut versorgt hatte, ging ich zu den Mägden, die etwas abseits ihr Brot verzehrten. Eine Magd legte der anderen die Karten, deren Bräutigam schon seit dem Einzug der Deutschen in Posen vermißt wurde. Die Karten sollten Auskunft geben, ob er noch lebte oder nicht. Ich schaute ihnen still zu. Die Karten ergaben, daß der Bräutigam tot sei. Halb im Glauben, es stimme, und halb im Zweifel darüber, brach das Mädchen in Tränen aus. Ich hatte tiefes Mitleid mit ihr und war der Kartenlegerin böse. Warum mußte sie das Mädchen traurig machen? "Du hast die Karten falsch gelegt", sagte ich. " Komm, gib mir die Karten, ich kann das besser." Zu Hause hatte ich zwar oft bei Zigeunern zugeschaut, wie sie Karten legten. Aber daß ich es selbst konnte, war mir neu. Ich nahm die Karten und fing an zu legen. Vorher hatte ich mitbekommen, daß der Bräutigam schwarzes Haar hatte. Als dann der Pik-König kam, sagte ich: "Siehst du, das ist dein Bräutigam, und du wirst sehen, bald kommt die Herz-Dame, das bist du. Und wenn die Herz-Dame weit vom König fällt, hat er große Sehnsucht nach dir, und er lebt." Ich konnte es so einrichten, daß die Herz-Dame sehr weit vom Pik-König lag. So war die Sehnsucht sehr groß und somit bewiesen, daß der Bräutigam noch lebte. Dankbar lächelte mich die Braut an. Sie glaubte mir lieber als der anderen Kartenlegerin. An diesem Tag legte ich in der Mittagspause noch für die anderen Mägde Karten und machte alle sehr glücklich. Ich sagte, der Krieg sei bald zu Ende.
Von alledem merkten die Führerinnen nichts. Aber unter den Polen sprach es sich herum, es sei im Lager ein Mädel aus Rußland, das gut Karten legen könne. So kam es dann schließlich soweit, daß - wenn ich im Außendienst war und auf dem Feld arbeitete und der Bauer nicht dabei war - polnische Frauen kamen und baten, ich solle ihnen doch die Karten legen. Meist tat ich es, mußte aber, um meine Glaubwürdigkeit nicht zu untergraben, auch mal einen sterben lassen. Das tat mir dann selber so leid, daß ich mit dem Betroffenen mitweinte, was wiederum als Beweis für die Wahrhaftigkeit gewertet wurde. Denn, so meinten die Frauen, sonst würde ich ja nicht weinen...