Die Begegnung mit dem gekreuzigten Jesus

 

Ich war damals 10 Jahre alt und man schrieb das Jahr 1940. Wir waren erst einige Monate zuvor in das Heimatdorf meiner Mutter zurückgekehrt. Wir, das waren Mutter, meine zwei älteren Brüder Harry und Johann, und ich. Vater hatten die sowjetischen Machthabern 1937 bei der allgemeinen Verhaftungswelle in Rußland abgeholt und für 30 Jahre Zwangsarbeit nach Sibirien verbannt. Mein Vater wollte der Verschickung nach Sibirien entgehen, und er verließ mit uns 1935 unser Dorf Friedental. Wir zogen einige Monate durch die Ukraine und ließen uns am Don in einem deutschen Dorf namens Fjodrofka nieder. Dort wurde im September 1937 Vater verhaftet, mit ihm noch weitere 54 deutsche Männer. Ihnen wurden die unsinnigsten Verbrechen vorgeworfen. Wer nicht gestand, wurde so lange gequält, bis er gestand, um seinen Peinigern zu entgehen. Damals sagte meine Mutter, das wäre Gottes Wille und man müsse die auferlegte Prüfung eben tragen.
Ich hatte aber von meiner Großmutter immer gehört, er würde einem helfen, wenn man ganz fest an ihn glaubte und betete.
Nun war aber die Religion in Rußland verboten und die Gläubigen mußten ihre Gottgläubigkeit heimlich betreiben. Wir Kinder lernten zwar von der Mutter und Großmutter beten und Weihnachtslieder singen, von dem Bild mit dem gekreuzigten Jesus wußte ich noch nichts.
Christliche Bücher, Bibel, Gesangbuch und dergleichen wurden versteckt. Wir Kinder kamen da nicht ran.
Nun, wir zogen, nachdem Vater nicht mehr zurück kam, in das Heimatdorf meiner Mutter Andrenburg. Es war ein rein deutsches Dorf, nur der Bürgermeister war ein Ukrainer. Eine Kirche hatte das kleine Dorf nicht, die Gläubigen mussten in die evangelische Kirche nach Prischip fahren, oder der Dorflehrer hielt in der Schule den Gottesdienst. Das war aber alles, seit die Kommunisten an die Macht gekommen waren, verboten.
Mir gefiel es sofort in dem Dorf, in dem nur deutsch gesprochen und in dem deutsche Lieder gesungen wurden.
Unserer Familie ging es nicht besonders gut, wir Kinder mußten hart mitarbeiten, um überleben zu können. Das hinderte uns jedoch nicht, an Versteckspielen und Ballspielen teilzunehmen. Besonders das Versteckspiel bereitete mir unheimlich viel Freude. Ich versteckte mich immer an den ausgefallensten Plätzen. Den Suchenden fiel es oft schwer mich zu finden. Meistens war ich die letzte, die gefunden wurde, und das erfüllte mich mit Stolz.
Wir spielten wieder einmal Versteck und ich durfte mich verstecken. Als es erschallte "Eins, zwei, Eckstein, allein muß versteckt sein", schlüpfte ich gerade in das Haus vom alten Volz.
Ich wollte zur Dachluke herausschauen, weil ich von dort aus den Anschlagplatz übersehen konnte. Das Haus war sehr groß und ich gelangte, ohne gesehen zu werden, auf den Dachboden. Schlich leise zur Fensterluke und schaute vorsichtig hinunter. Es war aber nichts Interessantes dort zu unten sehen, so schaute ich mich auf der Bühne etwas um. Da hingen alte Siebe an den Dachsparren, die zum Obsttrocknen benötigt wurden. Körbe und Fensterrahmen, die im Winter als Doppelfenster dienten, standen in einer Ecke. Gleich beim Aufgang waren einige Nester für die Glucken hergerichtet. Dort brüteten die Hennen die Küken aus.
Obwohl auf Großvaters Dachboden ähnliche Dinge standen, fand ich es aufregend in den alten Sachen unseres Nachbarn herumzustöbern.
Dann geschah etwas Furchtbares, ich war auf ein loses Brett getreten, dieses kippte um, schnappte in die Höhe und klatschte wieder zurück. Obwohl dies blitzschnell geschehen war, hatte ich unter dem Brett, im Zwischenboden eine Leiche gesehen.
Entsetzt hetzte ich zur Treppe und stürzte hinunter, und - lief direkt der alten Oma Volz in die Arme. Ich muß wohl schrecklich ausgesehen haben, denn sie packte mich an den Schultern und rüttelte mich kräftig.
"Was ist mit dir los, du bist ja weiß wie die Wand, und wer hat dir erlaubt auf den Dachboden zu gehen". Oma Volz schimpfte mit mir und ich hatte Angst, daß sie mir noch den Hintern versohlen könnte, und machte mich aus dem Staub. Schnell eilte ich zu den Spielern zurück. "Was hast du, ist dir schlecht?" Nein, mir war nicht schlecht. An dem weiteren Versteckspiel hatte ich jedoch keine Lust mehr, ja ich konnte auch nicht mehr, mir zitterten die Beine so stark, daß ich mich hinsetzen mußte. Mein Bruder dachte, ich wäre krank und brachte mich zur Mutter.
Mutter fragte mich aus und ich erzählte ihr von der Leiche, die ich auf dem Dachboden bei Volzes gesehen hatte.
"Geh, du mit deinen Lügengeschichten, wie oft habe ich dir schon gesagt, du sollst dir nicht immer solche Lügengeschichten ausdenken". "Es ist keine Lügengeschichte, Mutter, ihr solltet es der Oma Volz sagen, sie weiß es vielleicht nicht. Ganz ehrlich, ich habe unter den Brettern einen toten Mann gesehen. Er lag einfach da!"
Mutter gab aber nichts auf meinen Rat. Erst als die Oma Volz, wir waren Nachbarn, herbei kam, um zu sehen, wie es mir geht, erzählte Mutter von der Leiche, die ich angeblich auf dem Dachboden gesehen hätte.
Oma Volz wurde nun auch weiß wie die Wand. Sie und Mutter gingen aus der Küche und im Flur hörte ich sie leise sprechen.
Nach einer Zeit kamen sie wieder zurück und setzten sich auf die Ofenbank.
"Nelly, das was du dort auf dem Dachboden gesehen hast, ist keine Leiche, es ist der gekreuzigte Jesus. Wir haben ihn dort oben auf dem Dachboden versteckt. Er ist aus der evangelischen Kirche in Prischip. Es ist eine sehr gefährliche Sache, wenn du das weitererzählen tust, würde Opa genau so verhaftet wie Vater."
Sie erzählten mir lange und ausführlich, wie der gekreuzigte Jesus von der Kirche in Prischip auf den Dachboden gebracht wurde. Er sollte dort solange versteckt bleiben, bis es wieder erlaubt sein wird öffentlich in die Kirche zu gehen.
Ich wollte nun mehr von Jesus wissen. Warum wurde er gekreuzigt und wie sieht das aus. Großmutter hat mir das oft erzählt, das der Jesus alles kann, warum hat er sich dann kreuzigen lassen. Das konnte ich nicht verstehen.
Oma Volz war der Meinung es wäre am besten, wenn sie mir den Jesus genau zeigen würde, dann aber sollte ich das Ganze schnell und für immer vergessen.
Ich war tief betrübt, als ich Jesus dann mir blutenden Wunden an den Händen und Füßen sah. Und ich bat Oma Volz jetzt, wo er doch hier liege, die Nägel aus den Händen und Füßen herauszuziehen und vor allem die Dornenkrone von seinem Haupt abzunehmen.
Denn dieses schreckliche Erlebnis von damals habe ich bis heute nicht vergessen können. Wenn ich in einer Kirche Jesus am Kreuz sehe, dann denke ich an meine erste Begegnung mit dem gekreuzigten Jesus in einem kleinen Dorf in der Ukraine zurück.

 

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