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"Rußlanddeutsche Pioniere im Urwald"
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Nelly Däs griff bei diesem Buch mal nicht selbst zur Feder, denn diesmal
hat sie andere Leute sprechen lassen und die Ergebnisse zusammengefasst in
diesem Band veröffentlicht. 17 rußlanddeutsche Jugendliche berichten hier von
ihren Erlebnissen und Erfahrungen in Rußland, bei der Übersiedlung und im
Leben danach. Abschiedsschmerz und Integrationsprobleme treten auf aber auch
neue Freundschaften, Abenteuer und Herausforderungen. Dieses Buch lässt einen
wirkliche Schicksale hautnah miterleben, somit wird auch die Geschichte der
Rußlanddeutschen, die oft verallgemeinert wird, transparent.
Nelly Däs fügt den Erzählungen ein Vorwort hinzu, in dem sie kurz ihre eigene
Geschichte vorstellt und auf die Notwendigkeit hinweist, die Menschen über
die Aussiedler aus Rußland aufzuklären.
Hier eine kleine Leseprobe:
Elena Zeiser
Ich erwartete eine ganz andere Welt!
"...Als ich zum ersten Mal hörte, daß ich zu meinem Vater nach
Deutschland auswandern dürfe, war ich sehr froh. Ich erwartete eine ganz
andere Welt! Neue Menschen, neues Leben in Frieden und Freiheit. Ich würde
mir viel Wissen aneignen können und eine neue Sprache erlernen, die Sprache
meiner Vorfahren, die einst aus Deutschland in die Steppen Rußlands gezogen
waren. Leider wußte ich nicht viel von der Geschichte der Rußlanddeutschen,
wie man uns jetzt überall bezeichnet.
Mein Leben bis zu diesem Zeitpunkt war nicht besonders aufregend gewesen, nun
aber veränderte sich so manches in meiner unmittelbaren Umgebung. Freunde
zogen fort; eine Freundin wanderte mit ihrer Familie von unserer Heimatstadt
Taschkent nach Griechenland aus, von woher ihre Vorfahren stammten, eine
andere zog mit ihrer Familie in das damalige Jugoslawien. In den
mittelasiatischen Staaten der ehemaligen Sowjetunion wurden die Minderheiten
von den "Alteingesessenen" vertrieben, und viele gingen und warteten
nicht, bis sie ihr Leben lassen mußten.
Ich hatte in Taschkent keine deutsche Freundin und keine Möglichkeiten, die
deutsche Sprache zu pflegen. In der Schule ging es mir gut, ich war eine gute
Schülerin und hatte keine Probleme. Als aber bekannte wurde, daß ich zu meinem
Vater nach Berlin übersiedeln würde, änderte sich das über Nacht. Menschen,
die bis dahin freundlich zu mir gewesen waren, begegneten mir plötzlich mit
Mißtrauen. Ich glaube, sie waren auch neidisch, daß ich den chaotischen
Zuständen in den GUS-Staaten entkam. In den letzten Monaten vor der Ausreise
war es besonders schlimm. Meine Mutter sagte "Neid frißt seinen eigenen
Herrn." Sie meinte, daß der Neid die größte Untugend der Menschen sei
und gab mir den Rat, mich still zu verhalten.
Ich war es gewohnt, mit den anderen Kindern auf der Straße zu spielen, und
keinen hatte es bisher interessiert, daß ich ein deutsches Kind war. Wir
waren einfache spielende Kinder gewesen, hatten Verstecken gespielt, waren
auf Bäume geklettert und hatten Obst aus den Nachbargärten geklaut. Plötzlich
war das alles anders. Die Kinder fingen an, sich gegenseitig zu belauern, und
die Schimpfwörter wurden böse. "Faschist", "Fritze" oder
"Hitlerist" bekamen wir zu hören. Warum das so sei, wollte ich von
meiner Mutter wissen. Die Kinder seien nicht schuld daran, erklärte sie mir,
die Hetze gehe von den Eltern aus.
Ich ging jedenfalls allen, die mich wegen der Ausreise befragen wollten, aus
dem Weg. Warum sollte ich mir auch unnötig Feinde machen? Rußland bzw. das,
was davon übriggeblieben war, hatte ich ohnehin abgeschrieben..."
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