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"Mit Timofej durch die Taiga"
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Wie fühlt man sich als Mensch, wenn die Würde mit Füßen getreten wird?
Wenn einem alles genommen wird, was man hat? Und wenn man ohnmächtig
dabeistehen und auch noch still sein muss? Diese Erfahrung musste eine junge
Familie aus einem Wolgadorf erleiden, als ihre Dorfgemeinschaft nach Sibirien
transportiert und komplett auseinandergerissen wurde. Die Männer kamen in die
Zwangsarbeit, die Frauen mussten dort mit Greisen und Kleinkindern ganze
Siedlungen selbst aufbauen.
Diese Geschichte erzählt ein winziges Beispiel für das wahre Leben der
Russlanddeutschen der 40er Jahre in Russland.
Hier ein Auszug aus dem Buch:
Angstvoll verfolgten die Mütter die Auslese. Olgas Sohn Ewald musste auch
stehen bleiben. "Die müssen alle in die Bergwerke", hieß es. Als
Olga das hörte, lief sie gleich zum obersten Funktionär und protestierte:
"Mein Sohn Ewald ist erst 14 Jahre alt!"
"Welches ist Ihr Sohn?"
"Der da", sie zeigte auf Ewald.
"Was, der soll erst 14 Jahre alt sein? Das glauben Sie doch selbst
nicht. Der ist doch groß und kräftig, der kann arbeiten." Olga warf sich
dem Mann vor die Füße, doch der ging gleichgültig weiter.
Ewald war bleich und voller Angst, er zitterte am ganzen Körper. Seine Mütze
war verrutscht, das braune Haar schaute hervor. Der Mantel war ihm an den
Ärmeln schon zu kurz. Den Schal fest um den Hals geschlungen, so stand er da
und schaute seine Mutter mit großen Augen an. "Mama, Mama, was soll bloß
werden? Ach, Mama, was wird bloß werden, wenn ich fort muss? Wie wollt Ihr
bloß mit den zwei Kindern fertig werden? Ach, Mama, was wird Vater sagen, dass
ich Euch allein lassen musste?" Eng umschlungen standen die Familien da,
alle weinten. Hatten doch viele Mütter gehofft, in ihren großen Kindern eine
Stütze zu haben in dieser kalten, fremden Welt. Aneinandergeklemmt versuchten
sie, ihrem Schicksal zu entgehen. Erschütternde Szenen spielten sich ab.
Grausam wurden die Söhne von ihren Müttern gerissen, auf Lastwagen geladen
und abtransportiert. Manche Mutter lief dem Wagen nach, bis sie bewusstlos
zusammenbrach.
Olga wurde von Katja und Lilly festgehalten. Sie schrie nicht, sie weinte
nicht, sie starrte nur wie versteinert dem Auto nach, dann nahm sie Golja und
Sascha an den Händen und ging müde und mutlos zu ihren Sachen zurück.
Die Dorfgemeinschaft wurde nun endgültig auseinander gerissen. Einige
Familien kamen nach Narim, das war die schlimmste Ecke, die es in Sibirien
gab. Urwald, Urwals, Urwald - und den sollten die deutschen Frauen
kultivieren.
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