Wölfe und Sonnenblumen

 

Startseite

Biographie

Zurück zum Bücherverzeichnis

Nächstes Buch:
"Zug in die Freiheit"

      Ein kleines Mädchen ist es, der wir hier begegnen, keiner erwachsene Frau. Die fünfjährige Nelly fängt an, dieses Buch aus ihren Augen gesehen, zu erzählen. 1935, die Flucht aus dem Dorf Friedental, Ukraine ist der Anfang der langen Odyssee, die Familie Schmidt nun vor sich hat. Der Vater weigert sich nämlich, einer Kolchose beizutreten, einer Kollektivgemeinschaft im Sinne des Kommunismus, und muss nun mit der Verbannung in die Zwangsarbeit rechnen. Immer in Acht vor der Miliz, reisen die Schmidts durch halb Rußland, begleitet von Hunger, Kälte und Leid.
      Sie lassen sich in verschiedenen Dörfern nieder, schaffen sich kurz eine Existenz um gleich darauf aus Angst alles wieder zu verlassen. Der Zusammenhalt der Familie und der unerbittliche Wille lässt sie jedoch nicht verzweifeln. Der schlimmste Schlag trifft sie, als der Vater nach Sibirien verschleppt wird und nie wieder auftaucht. Doch damit nicht genug, bald darauf bricht der Zweite Weltkrieg aus und für die Deutschen in Rußland bedeutet es, dass sie nun Feinde im Land sind. Sie müssen fliehen. Auf dem großen Treck ziehen sie mit 400 000 weiteren Menschen Richtung Deutschland, der ursprünglichen Heimat.
      Nelly erlebt ihre Kinderzeit jedoch auch mit Freude und Abenteuern, die sich ihr trotz der schweren Bedingungen bieten. Es wird in diesem Buch die wahre Realität erzählt, keine Vorurteile oder Anschuldigungen, keine Über- oder Untertreibungen sind zu spüren. Die Spannung ist es, die den Leser von der ersten bis zur letzten Seite mitreißt.

Hier ein Auszug aus "Wölfe und Sonnenblumen"

      ...Um diese Zeit wurde es in den Dörfern immer unruhiger. Die Verhaftungen häuften sich. Keiner traute mehr dem anderen. Die Stimmung unter den Erwachsenen war bedrückt und gespannt.
       "Jede Stunde, die wir noch beisammen sein dürfen, ist ein Gottesgeschenk", sagte der Vater ernst. Die Mutter war sehr still und blass. Sie machte sich große Sorgen. Der Vater war doch krank! Wenn er verhaftet würde, lebte er gewiss nicht mehr lange. Die Eltern sprachen oft lange darüber, wenn wir Kinder in den Betten lagen. Ich konnte nicht einschlafen und hörte sie flüstern. Ihre Sorge griff auf mich über.
       "Wenn es nur erst vorbei wäre", hörte ich den Vater einmal sagen. "Ich halte die Ungewissheit nicht mehr lange aus. Die Angst macht mich krank!" Und dann: "Wenn ich fortgeholt werde, dann lass die Nelly Schneiderin werden. Sie soll nicht auf der Kolchose arbeiten. Das musst du mir versprechen, Emma."
       Ich hörte in dieser Nacht, was der Vater für mich plante, und der Gedanke setzte sich endgültig in mir fest. Freilich verlor ich meine geliebten Pferde, wenn ich Schneiderin wurde; aber der Vater wollte es so, und ich nahm mir in jener Nacht fest vor, seinen Wunsch zu erfüllen. Fast jeden Morgen erfuhren wir jetzt, dass man in der Nacht wieder zwei oder drei Männer verhaftet hatte. Aber von Madesowka war noch keiner dabei. Die allgemeine Furcht hemmte die Arbeit. Auf den Straßen standen die Männer in Gruppen beisammen. Sie flüsterten. Keiner wagte ein lautes Wort. Die Frauen hatten verweinte Gesichter, und auch die Kinder veränderten sich. Sie spürten die Gefahr. Bei mir war es besonders schlimm. Ich träumte jetzt oft, die Miliz hole den Vater ab. Dann erwachte ich weinend und schweißnass. Der Vater holte mich in sein Bett, ich spürte ihn neben mir, wußte, dass er noch da war, und schlief ruhig wieder ein.
       Und dann war es eines Morgens soweit. In der Nacht hatte man drei Männer aus Madesowka abgeholt: den alten Gerberschaber, den alten Müller und einen dritten, den ich nicht kannte. Der Vater kam aus dem Pferdestall gelaufen und erzählte es der Mutter. Die Eltern waren sehr ernst, aber die Mutter weinte nicht. "Wenn Gott uns eine Prüfung auferlegt, müssen wir sie tragen", sagte sie. Das verstand ich nicht. Die Mutter hatte doch erzählt, Gott sei lieb und gut. Dann konnte er nicht wollen, dass der Vater abgeholt wurde und sterben musste. Und ich war ganz sicher, dass die Mutter immer nur von einem lieben Gott gesprochen hatte. Konnte es anders sein?...