Wem sollte ich lauschen ...Es begann gerade erst zu dämmern. Im Sommer, speziell im August, tat man gut daran, dass man zwei Stunden früher frühstücken ging, um dem entsetzlichen Gestank zu entgehen, der schon um acht Uhr in der Frühe - von der Sonne hervorgerufen - in den Gassen der Stadt hing. Ich war auf dem Weg zum Wirtshaus am Dom. Dort frühstückte ich seit einigen Wochen jeden Morgen und mit mir noch viele andere der Gerichtspraktikanten. Heute sollte mir jedoch einer zum Bekannten werden, der mir vorher noch nicht aufgefallen war. Ich glaube sogar, er war vorher noch nicht da gewesen. Doch dies alles wusste ich noch nicht, als ich die vier Stufen zum Wirtshaus emporstieg. Ich trat ein und mich umhüllte sofort der Dampf der Küche und der neblige Rauch der paffenden Praktikanten. "Sei mir gegrüßt, Ephraim der Trunkene", kam es mir aus verschiedenen Richtungen entgegen. Wir fühlten uns wie an einer Rittertafel in diesem Wirtshaus und so trug auch jeder seinen Namen, Wo mein Name seinen Ursprung hat, möchte ich an dieser Stelle nicht verraten.
"Komm setz dich zu uns und lausche", sagten sie weiter. Wem sollte ich lauschen?
Erst jetzt fiel mir auf, dass sich fast alle im Halbkreis um einen einzelnen begeben hatten und gespannt seinen Lippenbewegungen folgten. "Wer ist das?", fragte ich einen Bekannten. "Pst, Götz der Redselige." Aber diese Antwort genügte mir nicht. Ich lauschte eine Weile seinen Erzählungen. Er konnte wahrlich gut erzählen.
Er berichtete von dort, wo er schon gewesen war, von Leipzig und Straßburg. Dieser Mann interessierte mich. Nach dem Frühstück ging ich zu ihm rüber und hockte mich auf den Stuhl gleich neuen seinem. Ich erfuhr, dass er eigentlich Johann Wolfgang Goethe hieß und ein Praktikum am Reichskammergericht hier Wetzlar machte.
Wir unterhielten uns lange und vergaßen wohl die Zeit und verpassten beide unseren Dienst. Doch gewann ich in ihm einen guten Freund. Er berichtete mir von einer Bekanntschaft, die er hier gemacht hatte. Begeistert berichtete er von ihrer Schönheit, aber auch von seiner verzweifelten Lage, denn sie war einem anderen versprochen, sie war verlobt. In seinen Augen konnte ich die Verzweiflung sehen, die ihn schmerzte. Was sollte er auch tun? Er war so angetan von ihr, dass er sie auch nicht vergessen konnte.
Übrigens hieß er Götz, weil er ein Stück geschrieben hatte über den Ritter Götz von Berlichingen. Er war mit seinen jungen Jahren schon relativ bekannt. Nur ich hatte bis jetzt noch nichts von ihm gehört. Dieser Goethe war etwas Besonderes, er konnte mit der deutschen Sprache umgehen wie kein Zweiter. Als ich spät abends von ihm ging, war ich mir sicher, das dieser Johann Wolfgang Goethe auch über seine Grenzen hinaus bekannt werden wird, dass alle Welt etwas von ihm erfahren wird. Und ich kann stolz darauf sein, ihn gekannt zu haben.
Von Andreas Schnautz und Sebastian Niessen |
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