Latein als Lebensform - Professor Stroh an der WvO

Der 'beste Lateinsprecher der Welt' hielt Vorträge am Dillenburger Gymnasium

Prof. Dr. Wilfried Stroh ist eine Koryphäe seines Fachs und dabei ein Original - für ihn ist Latein keine tote Sprache, sondern universales, in der Gegenwart weiterhin relevantes Kulturgut. Der mittlerweile emeritierte Altphilologe, der von den Medien als "bester Lateinsprecher der Welt" gefeiert wurde, gestaltet seinen Ruhestand höchst aktiv mit immer wieder unkonventionellen, amüsanten Lateinprojekten der etwas anderen Art. So erlaubte er sich nach dem Rücktritt Papst Bedendikts XVI. beispielsweise mit einem Augenzwinkern, dessen lateinische Rücktrittserklärung einmal mit dem Rotstift sprachkritisch zu prüfen.

Auf Einladung der Wilhelm-von-Oranien-Schule - tatkräftig unterstützt vom Lions-Club Dillenburg - war Prof. Stroh nun an das Gymnasium, das vor 477 Jahren ursprünglich als Lateinschule gegründet wurde, gekommen, um zwei Vorträge zu halten; einen für die interessierte Öffentlichkeit, einen speziell für die Lateinschülerinnen und -schüler der höheren Klassen.

In der öffentlichen Abendverantaltung, zu welcher Latein-Fachsprecherin Julia Schäfer-Schmitt rund 200 Gäste begrüßen konnte, würdigte Wilfried Stroh aus Anlass des 2000. Todestags den ersten römischen Kaiser Augustus und sein Verhältnis zur zeitgenössischen Literatur. Wie nicht anders zu erwarten, parlierte Stroh zu Beginn seines Vortrags in fließendem Latein, was allseits Schmunzeln und Heiterkeit im Auditorium hervorrief - ob aus tatsächlichem Verständnis des Gesagten oder um mit rudimentären Latein-Kenntnissen nicht allzu sehr aufzufallen, sei dahingestellt.

Lebendig und immer wieder mit ironischen Spitzen garniert ließ der Emeritus, dessen jüngste Publikation "Divus Augustus" dasselbe Thema bearbeitet, die Vita des Augustus Revue passieren und dabei die Stimmen der zeitgenössischen Literaten wie Horaz, Vergil, Maecenas, Ovid u.a. über den Princeps zu Wort kommen. Es wurde offensichtlich, dass der Kaiser sich keineswegs nur in plumper Auftragsdichtung belobhudeln ließ, sondern dass das damalige Verhältnis von politischer Macht und Literatur ein wesentlich differenzierteres, feinsinnigeres war. Dem Zuhörer mag bei den Ausführungen bisweilen wehmütig der Kontrast zur heutigen Politik und Publizistik durch den Kopf gegangen sein, in der - vergleichsweise und stilistisch gesehen - eher mit dem Säbel als mit dem Florett gefochten wird.

Am nächsten Morgen referierte Prof. Stroh vor ca. 100 Schülerinnen und Schülern, vorwiegend aus Latein-Kursen der Oberstufe, über das Verhältnis von Philosophie und Rhetorik in der Antike; damit knüpfte er sehr eng an die Lehrpläne des Faches sowie typische Themenstellungen des Landesabiturs an. Auch hier versäumte es der fachlich hochkarätige, aber trotzdem schülerorientiert sprechende Dozent nicht, Bezüge zur Gegenwart zu knüpfen und sowohl den Wert der Philosophie wie auch der Rhetorik für die Persönlichkeit und besonders für die Teilhabe am öffentlichen Leben herauszustellen. Mit diesem Bildungshighlight verabschiedete Prof. Dr. Wilfried Stroh die beeindruckten Dillenburger Lateinschülerinnen und -schüler in die Osterferien.

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©2014 Markus Hoffmann; WvO