Unbeugsam an jedem Ort - Zivilcourage contra Staatswillkür des DDR-Regimes

DDR-Flüchtling und Fluchthelfer Hartmut Richter als Zeitzeuge an der WvO

Anlässlich des 25. Jahrestages der Wiedervereinigung Deutschlands veranstaltete die Wilhelm-von-Oranien-Schule Dillenburg unter Leitung der Lehrkräfte Dr. Silvia Keil und Stefan Riemer ein Zeitzeugengespräch mit Hartmut Richter zum Thema "Unbeugsam an jedem Ort – Zivilcourage contra Staatswillkür des DDR-Regimes". Hartmut Richter hielt hierzu Anfang Oktober einen Abendvortrag an der Schule. Am nächsten Vormittag hatten einzelne Schulklassen ebenfalls die Gelegenheit, seinen Vortrag zu besuchen und Fragen zu seiner Flucht zu stellen.

Zu Beginn begrüßte Kerstin Renkhoff, Fachbereichsleiterin des gesellschaftswissenschaftlichen Aufgabenfeldes, die zahlreichen Besucher der Veranstaltung. Im Anschluss daran wurde eine Reportage von Stern-TV über den 67jährigen Hartmut Richter gezeigt. Hartmut Richter wurde als "Feind der DDR" und von diesem Regime sogar als "Parasit" bezeichnet. Er wurde über viele Jahre von guten Freunden im Auftrag der Stasi beobachtet, heimlich fotografiert und ausspioniert. Hartmut Richter sollte sogar von einem dieser "Freunde" auf ein Feld gelockt werden, damit man ihn dort erschießen könne. Dies erfuhr er allerdings erst viele Jahre später, als ihm der Zugriff auf seine Stasi-Akte mit über 900 Seiten erlaubt wurde.

Der Vortrag Hartmut Richters befasste sich im Anschluss mit seinen Eindrücken aus der Zeit vor der Flucht. Eindrucksvoll berichtete er von den Erlebnissen seiner Jugend in der DDR, welche ihn schließlich zur Flucht motivierten. Mit 18 Jahren floh er in der Nacht vom 25.-26. August 1966 durch den Teltowkanal aus der DDR nach West-Berlin. Er schwamm über 1000 Meter durch das eiskalte Wasser, bevor er das Ufer und somit die Freiheit erreichte. Vier Stunden war er hierfür im Wasser, da er sich nur sehr langsam fortbewegen durfte, damit ihn die Grenzsoldaten am Ufer nicht bemerkten. 1972 wurde er Fluchthelfer und rettete Freunde und Verwandte über die Transitstrecken aus der DDR. Dies gelang ihm 32 Mal, bevor er in einer Märznacht ertappt, verhaftet und zu 15 Jahren Einzelhaft verurteilt wurde. Im Oktober 1980 kaufte ihn die Bundesregierung frei.

Jetzt, 25 Jahre später, berichtet Hartmut Richter als Zeitzeuge von seinen Erlebnissen, betreut Stasi-Opfer und hilft ihnen wieder ins Leben zurück. Seine Botschaft an die heutige Jugend: Für das Unrechtssystem der DDR zu sensibilisieren und die Deutung der Geschichte nicht den Tätern zu überlassen.

Im Anschluss an die Veranstaltung hatten die Zuhörer die Möglichkeit, die Ausstellung "Der Weg zur Deutschen Einheit" der "Bundesstiftung Aufarbeitung" an der WvO zu besuchen.

©2015 Text: Magdalena Hild, WvO, Schülerin der Klasse 9C
Fotos: Stefan Riemer, WvO

Hartmut Richter

Geb. 1948, war als Schüler ein begeisterter Angehöriger der Jungen Pioniere der DDR. Als er Mitschüler bespitzeln sollte, die Westfernsehen sahen, änderte sich seine Einstellung zur DDR. 1966 floh er durch den Teltowkanal nach West-Berlin. Ab Anfang der 1970er Jahre begann er über die Transitstrecken Freunde und Verwandte aus der DDR zu holen. Bis 1975 ermöglichte er 33 Personen die Flucht. Im Jahr 1975 wurde er jedoch als Fluchthelfer verhaftet und zu 15 Jahren Gefängnis verurteilt, bevor ihn die Bundesrepublik im Jahr 1980 freikaufte.

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