Die Frau vom Checkpoint Charlie: Gebt mir meine Kinder zurück!

Jutta Fleck berichtet an der WvO über die DDR und den Kampf um ihre Töchter

Am vergangenen Montag war die Leiterin des Schwerpunkts Politische-Historische Aufarbeitung der SED-Diktatur in Hessen, Jutta Fleck, an der WvO und erzählte den rund 50 Schülern der Ethikkurse der Einführungsphase zusammen mit ihrer Tochter Beate Gallus über ihre persönlichen Erfahrungen in der DDR.

Jutta Fleck, auch bekannt als "Die Frau vom Checkpoint Charlie", wurde 1946 in Dresden geboren und wuchs somit mit den Ungerechtigkeiten des DDR-Regimes auf. Als sie in den Jahren zwischen 1975 und 1982 aufgrund der Verabschiedung der Schlussakte von Helsinki zwölf abgelehnte Ausreiseanträge stellte, entschied sie sich schließlich für die Flucht mit ihren Töchtern. Mithilfe einer Fluchtorganisation plante sie die Flucht über Rumänien in die Bundesrepublik. Diese scheiterte jedoch letztlich daran, dass der Kreis der Fluchthelfer eine Woche zuvor enttarnt wurde und ihre Flucht somit aufflog. Fleck wurde nach zahlreichen menschenunwürdigen Verhören zu einer Haftstrafe von drei Jahren verurteilt. Ihre Kinder sollte sie für die nächsten sechs Jahre nicht mehr sehen. Beate und Claudia Gallus wurden in einem speziellen Kinderheim untergebracht, bis ihr Vater, der sich eigentlich nicht für seine Kinder interessierte, sie ein halbes Jahr später in ihre alte Heimat zurückholte. Dort wurden sie sozialistisch und unter ständiger Beobachtung aufgezogen, ihre Mutter sollte für sie eine Kriminelle sein. Fleck wurde schließlich nach Jahren der Haft und Monaten in Absonderung am 18. April 1984 von der Bundesrepublik freigekauft. Jedoch blieb sie weiter getrennt von ihren Kindern, sodass sie sich wenige Monate später dazu entschied, an die Öffentlichkeit zu gehen: Sie besuchte den Papst, richtete sich mit Plakat und einer Ansprache im Bundestag an Brandt und ging an den Checkpoint Charlie. "800 Tage von Kindern getrennt durch politische Haft und Zwangsadoption". Mit solchen Aufschriften und weiteren Aktionen bekam sie die Aufmerksamkeit der Medien und Besucher. Schließlich gab die DDR ihre Töchter Beate und Claudia am 5. August 1988 wieder frei, sodass Jutta Fleck nach sechs Jahren ihre Kinder wieder in die Arme nehmen konnte.

Die Zeitzeugin schildert den Schülern eindrücklich ihre Erlebnisse und Gefühle, vor allem wenn es um ihre Kinder geht. Besonders in Erinnerung blieb ihr das Mutmacher-Herz, dass ihre Tochter Beate ihr ins Gefängnis zuschickte, woraus schließlich das "HerzFace" Projekt entstanden ist (http://www.herzface.de/). Jutta Fleck, ein Symbol für den friedlichen Widerstand gegen die gewaltsame Diktatur der DDR. Mit einem interaktiven Vortrag durch Film- und Bildmaterial bleiben den Schülern drei lehreiche, spannende und zum Nachdenken anregende Stunden.

Initiiert und begleitet wurde der Vortrag durch Pauline Erdmann, die an dem derzeitigen Wettbewerb der Hessischen Landeszentrale für politische Bildung mit ihrem Projekt "Unbeugsam an jedem Ort - ein Gespräch mit Hartmut Richter" teilnimmt, für den sie sogar zwecks Filmaufnahmen bis nach Berlin gefahren ist.

©2016 Text: Celine Brandenburger & Jakob Pfeifer, E1D
Bilder: Stefan Riemer

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