Lieber 100mal erfolglos verhandeln als einmal schießen

Getreu diesem Motto des kürzlich verstorbenen Altkanzlers Helmut Schmidt referierte der Politologe Dr. Johannes Becker vom Zentrum für Konfliktforschung der Philipps-Universität Marburg zum Thema "Afghanistan, Irak, Syrien, Israel, Libyen, Ukraine - die Welt scheint aus den Fugen. Ursachen und Folgen der Gewalt und Ansätze von Versöhnung". Er trug interaktiv vor und bezog die Zuhörer in seinen Vortrag ein, wie man das aus einer guten Schule kennt. In der Schule - der Wilhelm-von-Oranien-Schule in Dillenburg - fand die Veranstaltung auf Einladung der Sektion Dillenburg-Herborn des Marburger Universitätsbundes - besser bekannt als Mittwochsgesellschaft - statt.

Dr. Becker führte die aktuelle Fluchtbewegung, von der die Bundesrepublik derzeit erfasst wird, auf die seit 1999 in Europa und Nahost vielfach abgelaufenen Kriege zurück, die die Welt nicht sicherer gemacht und die jeweils angestrebten politischen Ziele nicht erreicht hätten. Das gelte für den ab 1999 vom Zaun gebrochenen Kosovokrieg in gleicher Weise wie für den Afghanistankonflikt seit 2001, den Irakkrieg ab 2003, den Konflikt in Libyen und Mali ab 2011 und nicht zuletzt auch für die unverändert andauernden Konflikte in Syrien seit 2011 und in der Ukraine ab Ende 2013, wie Dr. Becker jeweils unter Entwicklung der historischen Bezüge erläuterte. Die Kriege hätten die staatliche Infrastruktur mehr oder weniger nachhaltig zerstört und damit die Zukunftsbasis der jeweiligen Gesellschaften vernichtet.

Zu den Kriegsschäden komme die Zerstörung landwirtschaftlicher Strukturen, die hunderte von Millionen Kleinbauern in ihrer Existenz gefährde, die ohnehin unter den Folgen des vom Menschen mitverursachten Klimawandels zu leiden hätten. Auch die Wirtschaftspolitik der reichen Länder trage als fluchtauslösender Faktor zur aktuellen Wanderungsbewegung bei, indem bei uns subventionierte Agrar- und Textilgüter die Märkte in den Entwicklungsländern und den dortigen Handel mit einheimischen Produkten zerstörten. Industrielle Ansätze in der Dritten Welt würden durch Exporte starker Industrie- oder Schwellenländer im Keim erstickt, so dass oft nur die Produktion einfacher Handelsgüter wie Textilien oder der Abbau von Rohstoffen unter teils menschenunwürdigen Bedingungen für die Wirtschaft der Entwicklungsländer übrig blieben. Die damit in Zusammenhang stehende Überschuldung vieler Entwicklungsländer trage zusammen mit innergesellschaftlichen Problemen wie der verbreiteten Korruption und Vetternwirtschaft zu einer Perspektivlosigkeit für weite Teile der Bevölkerung bei mit der Folge, dass sich 2015 mehr als 60 Millionen Menschen weltweit auf der Flucht befänden. Das Gros der Flüchtenden sei männlich und deren Durchschnittsalter betrage 20 Jahre. Auch wenn viele Bundesbürger derzeit den Eindruck hätten, dass ein Großteil der Flüchtenden die Bundesrepublik bereits erreicht hätten oder diese zumindest zu erreichen versuchten, geschehe mehr als 90 % des Fluchtgeschehens in den Krisenländern selbst oder in den direkten Nachbarländern - also in den Weltregionen des armen Südens wie Afrika, Naher Osten oder Südamerika.

Nach Entwicklung der Fakten zu Flucht und Migration sowie deren Ursachen wandte Dr. Becker sich - immer im Gespräch mit den Zuhörern - der Frage zu, wie die vielfachen Konflikte kurz-, mittel- und langfristig geregelt und einer Lösung zugeführt werden könnten. Als kurzfristige Maßnahmen forderte er einen sofortigen Stopp aller Rüstungsexporte sowie die Unterbindung real- und finanzwirt-schaftlicher Aktivitäten von Terrororganisationen wie IS oder Boko Haram. Mittelfristig schlug er eine Stärkung der UNO vor und langfristig eine Änderung der sogenannten "Terms of Trade": Partnerschaftliche Wirtschaftsbeziehungen sollten an die Stelle von ausbeuterischen treten, Entwicklungshilfegelder müssten stärker in die Zielländer fließen und dürften nicht zu 80 % den Unternehmen der Geberländer zugutekommen, die Bildung von Bündnissen der Entwicklungsländer sei zu unterstützen, die regionale Wirtschaft und Handel fördern, Korruption und Vetternwirtschaft müssten ebenso wirkungsvoll bekämpft werden wie die gigantische Steuerflucht aus den Entwicklungsländern. Die daraus jährlich auftretenden Verluste von 100 Milliarden € entsprächen der Gesamtsumme der jährlich weltweit geleisteten Entwicklungshilfe.

Dr. Becker verbreitete durchaus Zuversicht: Deutschland müsse nicht vor der aktuellen Flüchtlings-problematik kapitulieren, die 2015 etwa 800.000 Menschen ins Land gebracht hat. Es habe durch vielfaches Engagement seiner Bevölkerung und auch des Staates nicht nur aktuell sondern auch in den letzten 70 Jahren seit dem 2. Weltkrieg große Menschengruppen integriert. Zwischen 1944 und 1947 seien 14 Millionen Menschen aus Osteuropa gekommen, die binnen 10 Jahren in die Gesellschaft aufgenommen worden seien. 7 Millionen Deutsche seien von 1949 bis Anfang der 90er Jahre aus der ehemaligen DDR ins Bundesgebiet übersiedelt und 4,5 Millionen Aussiedler aus den ehemaligen Staaten der UdSSR seit den 90er Jahren. Die Zahl der vor allem aus den Mittelmeerländern und der Türkei von Ende der 50er Jahre bis in die 70er Jahre aufgenommenen Arbeitskräfte und ihrer Familien habe über 4 Millionen betragen, deren Integration ebenfalls weitgehend gelungen sei. Der Rückblick auf die Geschichte der Bunderepublik als Einwanderungsland erlaubt mit Dr. Becker das Fazit: Integration ist schwierig aber machbar und ist in den letzten Jahrzehnten bereits millionenfach gelungen. Vor allem das bürgerschaftliche Engagement zur Bewältigung der aktuellen Flüchtlingsproblematik lässt hoffen, dass wir das auch diesmal schaffen, wie die Bundeskanzlerin immer wieder betont.

Dr. Becker hat die selbst gesteckten Ziele für den Vortragsabend erreicht, indem er hinterfragt hat, ob Militär, Interventionen und Kriege politische Probleme lösen können, mögliche Zusammenhänge zwischen Kriegen und den aktuellen Flucht- und Migrationsbewegungen aufgezeigt und Konfliktregulierungsansätze vorgestellt hat - letztlich mit dem Ergebnis dass wir keinen Grund zur Resignation haben. Er hat dabei die mehr als 100 Zuhörer durch Inhalte und Format seines Vortrages in einer Weise gefesselt und in seine Ausführungen einbezogen, dass nicht einer der Zuhörer die fast zweistündige Veranstaltung vorzeitig verließ.

©2016 Text: Dr. Bernd Peter
Bilder: Kerstin Renkhoff

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