Liebe Abiturientinnen und Abiturienten, liebe Eltern, liebe Kolleginnen und Kollegen, liebe Gäste!

Dies ist der Tag, den Sie alle schon lange herbeigesehnt haben, der Tag an dem alle Prüfungen vorbei sind und an dem Sie in feierlichem Rahmen Ihre Abiturzeugnisse erhalten. Im Namen des Lehrerkollegiums beglückwünsche ich Sie von Herzen zu dieser großen Leistung.

Nach alter Tradition, sollte ich Ihnen nun etwas dazu sagen, wie denn das Leben im Allgemeinen sei, gewissermaßen eine kondensierte und komprimierte Zusammenfassung in einem Satz finden.

Also: das Leben ist wie…ja wie ist es denn? Als erstes fällt mir- und sicher auch vielen von Ihnen die Aussage der Mutter von Forrest Gump ein, die in dem gleichnamigen Film zu Ihrem Sohn sagt: "Forrest, das Leben ist wie eine Schachtel Pralinen, man weiß nie, was man bekommt".

Und tatsächlich bringt es Forrest mit diesem Wahlspruch erstaunlich weit, man ist davon fasziniert und bekommt selber Mut, die Chancen, die sich einem bieten zu nutzen und vorwärts zu kommen. Aber je mehr ich darüber nachdenke, desto mehr Kritikpunkte finde ich an diesem Wahlspruch. Jeder, der schon einmal Lose aus einer Urne gezogen hat, weiß, dass es da nicht nur Gewinne gibt. Und das gilt natürlich auch, wenn die Urne als Pralinenschachtel getarnt wird… Und überhaupt: sollte unser Leben das Ergebnis einer Normalverteilung sein?

Diese Überlegungen haben mich dazu gebracht, eine neue These über das Leben aufzustellen. Sie soll den Wahlspruch von Forrest Gump ergänzen, ihm aber auch zugleich widersprechen -der Physiker würde sagen: sie ist komplementär dazu. Meine These lautet:

"Das Leben ist wie eine Mathematikaufgabe"

Jetzt gucken Sie aber so enttäuscht, wie ein Kind das Bonbons erwartet und Mathehausaufgaben bekommt. Geben Sie mir doch eine (kleine) Chance und ich werde es nachweisen, welche Vorteile die Betrachtung des Lebens als Mathematikaufgabe mit sich bringt.

Als erstes: eine Mathematikaufgabe ist lösbar. Kein guter Lehrer, da sind wir uns einig, würde in einer Prüfung eine unlösbare Aufgabe stellen; und so bin ich auch der festen Überzeugung, dass die Aufgabe unseres Lebens lösbar ist, fragt sich nur: wie?, denn manchmal stehen die Probleme vor einem wie ein Berg.

Ich denke dabei auch daran, dass auf Sie, liebe Abiturienten, eine ganze Reihe ungewohnter Aufgaben zukommen. Sie kommen aus einem behüteten Elternhaus und einem von der Schule strukturierten Alltag und müssen sich in Zukunft selber Ziele setzen, wichtige Entscheidungen fällen, Zeit und Geld einteilen und noch viele andere Probleme lösen.

Direkt auf den Gipfel zustürmen ist meistens keine gute Idee. Vielmehr hilft es, sich an die Strategien zum Lösen von Mathematikaufgaben zu erinnern. Erst einmal sich innerlich zurücklehnen und kühl überlegen: Was genau ist gegeben? Das heißt: Welches sind meine Voraussetzungen, meine Stärken, meine Fähigkeiten, meine Interessen. Das heißt aber auch: Was kann mir diese oder jene Institution bieten? Die zweite Frage bei Mathematikaufgaben ist: Was genau soll berechnet werden? Das übersetze ich so: Was möchte ich denn erreichen, was strebe ich an, welches sind meine Ziele? Solche Überlegungen brauchen freilich ihre Zeit, aber es ist gut investierte Zeit.

Von der Mathematik kann man aber auch lernen, dass es für eine Aufgabe meistens mehrere Lösungswege gibt. Darum muss man nicht verzweifeln, wenn sich trotz reiflicher Überlegung ein Weg nicht als gangbar erweist, denn es gibt viele gute Wege, die den Gipfel erreichen.

Manchmal hat man beim Bergsteigen richtig Glück: Man trifft auf einen Weg, den man nicht selber gebaut hat, der breit und befestigt ist und auf dem man eine Zeitlang gehen kann. Auch in der Mathematik gibt es einige Probleme, die fix und fertig gelöst und in der Formelsammlung zusammengefasst sind.

Liebe Eltern, in meiner Betrachtung des Lebens als Mathematikaufgabe ist es die Rolle der Formelsammlung, die ich Ihnen zugedacht habe. Sie erinnern sich bestimmt noch an die Zeit, als Ihre Kinder klein waren und Ihnen das Herz aufging, wenn der kleine Sohn/die kleine Tochter sagte: "mein Papa/meine Mama weiß einfach alles!" Eltern sein ist schön! Aber schon nach einigen Jahren heißt es: "mein Papa weiß nicht alles" und leider ist diese Aussage durchaus noch steigerungsfähig, wie ich selbst aus eigener Erfahrung als Mutter weiß. Und wenn die Kinder dann erwachsen sind und ihr Abitur bestanden haben, sagen sie: "Tschüss, ich bin dann mal weg". Eltern sein ist schwer! Da helfen auch Pralinen nicht wirklich weiter!

Als Trost bleibt Ihnen nur Ihre Rolle als Formelsammlung, denn früher oder später tauchen Probleme auf, von denen Ihre erwachsenen Kinder ganz genau wissen, dass Sie sie schon gelöst haben. Mein Sohn beispielsweise war noch keine Woche weg, da rief er mich an und fragte: "Also, ich stehe hier vor der Waschmaschine, was nun?" und meine Tochter wollte schon bald das Rezept ihres Lieblingskuchens haben. Auch Ihre Kinder werden von nun an ihren Kuchen selber backen, aber Ihre Rolle als Formelsammlung ermöglicht eine neue Art der Kommunikation, eine Kommunikation die mehr und mehr den Charakter des Gesprächs zwischen Erwachsenen annimmt.

Jeder, der Mathematik betreibt, weiß, dass die Aufgaben, die man ausschließlich mit der Formelsammlung lösen kann, eher selten vorkommen. Neue Zeiten bringen neue Herausforderungen und verlangen nach neuen Lösungen. Ich will Ihnen nicht verschweigen, dass das mitunter ziemlich anstrengend sein kann, um im Bild des Bergsteigens zu bleiben, vergleichbar mit dem steilen Aufstieg durch den Wald. Aber auch da lohnt ein Blick zur Mathematik: auch die schwierigsten Aufgaben fallen einem leicht und machen viel mehr Spaß, wenn man sie im Team löst. Ich wünsche Ihnen, dass Sie stets mit einem guten Team unterwegs sind: Sie werden Partner finden, eine Familie gründen und Verwandte, Freunde, Kollegen und Nachbarn zur Seite haben.

Schließlich kommt die Lösung der Aufgabe in Sicht: Die Konzentration ist spürbar, schon werden die ersten Zwischenergebnisse ausgetauscht und diskutiert, die Stimmung ist vergleichbar mit der auf den letzten Metern vor dem Erreichen des Gipfels. Und dann hat man es tatsächlich geschafft: die Aufgabe ist gelöst, man tritt aus dem Wald heraus auf den sonnigen Gipfel und der ganze zurückgelegte Weg liegt offen vor einem. So kann man sich fühlen, wenn man das Abitur geschafft hat!

Liebe Abiturientinnen und Abiturienten, lassen Sie uns einen Moment bei diesem Gefühl der Freude über Ihren Erfolg verweilen. Nehmen Sie es in sich auf und gewinnen Sie daraus die Motivation, den Mut und die Tatkraft, die nötig sind, um neue Aufgaben in Angriff zu nehmen. In diesem Zusammenhang, möchte ich Sie an das Grimm'sche Märchen vom "tapferen Schneiderlein" erinnern, das Ihnen bestimmt in Ihren Kindertagen von Ihren Eltern und Großeltern vorgelesen wurde.

Das tapfere Schneiderlein kommt, nachdem es schon viele Heldentaten vollbracht hat, zum ersten Mal richtig in Bedrängnis. Es glaubt sich schon am Ziel seiner Träume: es hat die schöne Königstochter geheiratet und befindet sich bei ihr in der königlichen "Schlafkammer"(wie es bei Grimm heißt), da hört es, dass sich im Vorraum die Soldaten des Königs versammeln, um ihn zu fangen und davonzujagen. Was ist geschehen? Das Schneiderlein hat im Schlaf geredet und so ausgeplaudert, dass es keineswegs ein gebürtiger Königssohn, sondern nur ein armer Schneider ist.

Und nun wird es interessant. Was tut das tapfere Schneiderlein in dieser brenzligen Situation?

Zwei Dinge: Erstens: Es steht zu sich selber. Ja, ich bin ein Schneider und dazu stehe ich. Zweitens: es erinnert sich an all seine Erfolge und Heldentaten und stärkt damit seine Position.

Meine Damen und Herren, erlauben Sie mir, Ihnen diesen Abschnitt im Original vorzulesen, denn die Sprache ist unvergleichlich.

"Das Schneiderlein, das sich stellte, als wenn es schlief, fing an mit heller Stimme zu rufen: "Junge, mach mir das Wams und flick mir die Hosen...! Ich habe siebene mit einem Streich getroffen, zwei Riesen getötet, ein Einhorn fortgeführt und ein Wildschwein gefangen und sollte mich vor denen fürchten, die draußen vor der Kammer stehen!" Als diese den Schneider also sprechen hörten, überkam sie eine große Furcht; sie liefen, als wenn das wilde Heer hinter ihnen wäre, und keiner wollte sich mehr an ihn wagen."

Liebe Abiturientinnen und Abiturienten! Sie haben das Abitur bestanden, in Deutsch und Geschichte, in Erdkunde und PW, in Biologie, Chemie und Physik, in Englisch, Französisch, Spanisch und Latein, in Religion und Ethik, in Informatik, Kunst und Sport …und nicht zuletzt in Mathematik! Wovor sollten Sie sich noch fürchten? Sie können fröhlich in die Welt hinaus ziehen und Ihre eigenen Aufgaben lösen und Ihre eigenen Erfolge feiern.

Uns Lehrern bleibt nun nichts mehr als Ihnen herzlich zum bestandenen Abitur zu gratulieren, uns mit Ihnen zu freuen und Ihnen viele gute Wünsche mitzugeben. Wir wünschen Ihnen einen behüteten Lebensweg, viele gute Freunde, gute Gesundheit und viel Erfolg bei der Lösung der von Ihnen in Angriff genommenen Aufgaben.

©2016 Corinna Klein