Die Angst vor der deutschen Sprache nehmen

Flüchtlinge: Wilhelm-von-Oranien-Schule führt Sprachprojekt mit Flüchtlingen durch

"Erzähl mir von dir, erzähl mir von…" heißt das aktuelle Flüchtlingsprojekt der Wilhelm-von-Oranien-Schule Dillenburg. Ziel ist es, den Flüchtlingen durch die Kommunikation mit den Schülern Sicherheit im Umgang mit der deutschen Sprache zu geben.

Anfang Mai 2016: Im Forum des Dillenburger Gymnasiums stehen Stehtische bereit, gedeckt mit Obst, Keksen und verschiedenen Getränken. Wohlfühlatmosphäre für die Flüchtlinge ist das Ziel. Schließlich soll die Eingewöhnung so leicht wie möglich sein.

Die Schüler rüsten sich mit Namensschildern aus. Das schafft eine persönlichere Atmosphäre und erleichtert den Gesprächseinstieg. Denn dies ist das Besondere an diesem Projekt: Es geht um das Sprechen, um die Kommunikation. "Das Ziel ist es, dass die Schüler und die Flüchtlinge miteinander kommunizieren", so Fabian Kreck, der mit Alessandra Lengler, Jennifer König und Katharina Sänger das Projekt an der Schule umsetzte und nun leitet. Alle vier sind Referendare. Initiiert wurde die Aktion von Isabel Spanke vom Caritasverband Wetzlar/Lahn-Dill-Eder e.V.

Bereits seit den Sommerferien 2015 engagiert sich die Wilhelm-von-Oranien-Schule auf verschiedenen Ebenen für Flüchtlinge.

Damals hatte sich eine Arbeitsgruppe aus Schülern, Lehrern und Eltern ("AG Flüchtlingshilfe") gebildet, die sich für Flüchtlingshilfe einsetzte. Auf der Gesamtkonferenz des letzten Schuljahres wurde schließlich beschlossen, sich mit der Flüchtlingsthematik auseinanderzusetzen.

Die Folgen: Neben der Integration junger Flüchtlinge in den Schulalltag des Gymnasiums gab es im vergangenen Dezember auch eine "Weihnachtspäckchen"-Aktion, bei der die Schüler 185 Geschenkkartons für Flüchtlinge in Dillenburg packten.

Auch die aktuelle Aktion findet in diesem Beschluss ihren Ursprung. Zusammen mit dem Caritasverband Wetzlar/Lahn-Dill-Eder e.V. reifte die Idee für ein auf Kommunikation basierendes Projekt.

Der Hintergrund: Flüchtlinge hätten häufig Probleme, die deutsche Sprache richtig zu gebrauchen, sodass sich eine regelrechte Angst vor dem Sprechen verbreiten würde. Diese Angst wollen die vier Lehrer und die Schülergruppe den Flüchtlingen nehmen. Durch Kommunikation würden die Flüchtlinge auch sozial eingebunden, was die Integration erheblich vereinfache, so Lengler.

Auf der Suche nach einem weiteren kompetenten Partner für dieses Projekt stießen die Verantwortlichen zudem auf das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF), welches das Projekt finanziell unterstützt.

Die Flüchtlinge, mit denen das Projekt durchgeführt wird, stammen aus der Wohngruppe in der Nassauer Straße in Dillenburg und aus dem Erika-Heß-Feriendorf in Tringenstein, die aber mittlerweile nach Dillenburg umgezogen ist.

Doch nicht nur für die Flüchtlinge, auch für die Schüler bietet dieses Projekt einen Mehrwert: Während die Flüchtlinge ihr Deutsch verbessern und sich Schritt für Schritt integrieren können, lernen die Schüler die Kulturen der Flüchtlinge hautnah kennen.

Dieser Kulturaustausch findet allerdings sogar unter den Flüchtlingen selbst statt, denn diese kommen aus Bangladesch, Afghanistan, Pakistan und Syrien und kennen die Kulturen der anderen meist auch noch nicht.

Inzwischen sind die Flüchtlinge am Schulgebäude in Dillenburg angekommen. Freundlich werden sie von den Schülern und den Referendaren begrüßt.

Beim gemeinsamen Snack kommt es zu den ersten Gesprächen zwischen Schülern und Flüchtlingen, man kommt sich näher.

Die Schüler sind sich dabei bewusst, welchen Eindruck sie durch ihre Aktion bei den Flüchtlingen hinterlassen. Sie zeigen deutsche Willkommenskultur. "Wir möchten Deutschland als offenes und freundliches Land repräsentieren", sagt Schüler Jens-Uwe Pfeifer.

Um dies zu tun, nehmen die Schüler auch einen gewissen Zeitaufwand in Kauf: "Ich möchte den Flüchtlinge helfen, da macht es nichts, wenn ich auch mal ein paar Stunden länger in der Schule bleiben muss", ergänzt Antonia Klehm.

Das schöne Wetter lädt zum Rausgehen ein. Auf dem Schulhof wird das erste gemeinsame Spiel angekündigt: Die Schüler und die Flüchtlinge sollen sich nach ihren Vornamen geordnet aufstellen. Das Spiel soll das Eis zwischen Schülern und Flüchtlingen weiter brechen, bevor es in die erste kommunikative Einheit geht: Das Interview.

Die Schüler und die Flüchtlinge teilen sich in Gruppen auf und stellen sich gegenseitig Fragen. Einige Flüchtlinge sprechen bereits gut Deutsch, einige Englisch, zur Not erfolgt die Verständigung mit Händen und Füßen. Von einfachen Fragen wie "Was isst du am liebsten?" werden die Fragen schließlich tiefgründiger, bis schließlich auch über den Glauben geredet oder über Sterbehilfe diskutiert wird. Die Schüler und die Flüchtlinge entdecken hier Gemeinsamkeiten in ihrer Einstellung oder reißen gemeinsam Witze über deutsche Bürokratie, es wird viel gelacht. Lachen, eine Sprache, die unabhängig von Herkunft und Kultur jeder versteht.

Fabian Kreck zeigt sich von dem Verlauf dieses Treffens zufrieden: "Die Kommunikation hat trotz ein paar Sprachbarrieren gut geklappt und ich denke, dass sowohl die Flüchtlinge als auch die Schüle Spaß hatten."

Vier Monate später. Sommerferien. Wir treffen Koordinatorin Alessandra Lengler noch einmal und möchten wissen, wie sich das Projekt weiter entwickelt hat. Sie zeigt sich hochzufrieden: "Alle Flüchtlinge haben uns eine sehr positive Rückmeldung gegeben, sie hatten viel Spaß und sind sehr gerne zu den Treffen gekommen. Ein Junge meinte, dass er schon Freunde gefunden hätte. Auch die Rückmeldungen unserer Schüler war sehr gut." Die Sprachbarrieren scheinen überwunden.

In der letzten Schulwoche vor den Sommerferien gab es ein Abschlusstreffen, Flüchtlinge und Schüler fuhren zum Bowlen und Essen gehen nach Wetzlar. Doch "Abschluss" ist hier ein relativer Begriff. Lengler: "Geplant ist, dass das Projekt auch jetzt im neuen Schuljahr weiterläuft."

©2016 Text und Bilder: Tobias Manges

Bildergalerie
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Interview: Die Schüler und die Flüchtlinge lernen sich beim gegenseitigen Fragenstellen kennen und überwinden Sprachbarrieren. 
 
Gruppenfoto: Die Schülergruppe und die Flüchtlinge des Projekts "Erzähl mir von dir, erzähl mir von..."