"Und das ist der direkte Weg ins Paradies"

Hessischer Verfassungsschutz informiert an der WvO in Dillenburg über den Salafismus

In unserer Gesellschaft wächst die Angst vor Terroranschlägen. Nach wiederholten Anschlägen irgendwo in Europa und leider auch in Deutschland sah man in den Medien Bilder von Attentätern mit einem erhobenen Zeigefinger, der Erkennungsgeste von Salafisten. Dazu wurde „Allahu akbar“ (dt. „Gott ist am größten“) gerufen. Rechtspopulisten nutzen diese Angst für ihre Zwecke. In dieser Situation fühlen sich viele Bürger verunsichert. Um über die Gefahren des Salafismus zu informieren, hatte die Wilhelm-von-Oranien-Schule in der zweiten Februarwoche den Leiter der Presse- und Öffentlichkeitsarbeit und Aufklärenden Prävention des Landesamtes für Verfassungsschutz (LfV) Hessen, Marcus Gerngroß, zu Gast.

Islamismus, Salafismus, Jihadismus

Um die junge Generation aufzuklären, erläuterte Gerngroß in seinem Vortrag zunächst die Begriffe "Islamismus", "Salafismus" und "Jihadismus". Demzufolge handle es sich bei Salafismus um einen "Begriff, der erst mal keine negative Konnotation hatte." Kennzeichnend seien für diese Glaubensrichtung die buchstabengetreue Auslegung des Korans, die Ablehnung von – aus konservativer Sicht – unerlaubten Neuerungen und der Plan der Errichtung eines politischen Systems nach den Regeln der Scharia.

"Weil Salafisten eine politisch-totalitäre Ideologie verfolgen, nach der sämtliche Bereiche des politischen und gesellschaftlichen Zusammenlebens durch islamistische Glaubensansichten geregelt werden sollen", werden sie vom Verfassungsschutz beobachtet. "Salafismus widerstrebt den demokratischen Werten unseres Grundgesetzes" stellte Gerngroß fest.

Im Vortrag wurde deutlich zwischen der Religion Islam und dem Islamismus bzw. Salafismus als einer politischen Bewegung unterschieden. Diese Unterscheidung war für den Verfassungsschützer ein sehr wichtiger Aspekt. Die Religionsfreiheit gehöre zu den Grundsäulen unserer Demokratie. Es stehe daher auch niemand unter Beobachtung, weil er seine Religion ausübe. Islamisten und Salafisten richten sich jedoch mit einer demokratiefeindlichen Ideologie aktiv gegen unsere freiheitliche demokratische Grundordnung, deshalb würden sie vom Verfassungsschutz beobachtet. Diese Arbeit richte sich nicht gegen den Islam als Religion, sondern gegen die Absicht, unsere Demokratie durch eine andere, islamistisch geprägte politische Ordnung ersetzen zu wollen. Weiter sei es ein erklärtes Ziel der islamistischen Terroristen und des IS, einen Keil zwischen Muslime und Nicht-Muslime zu treiben, indem sie durch ihre Taten Ressentiments gegen den Islam in Gänze schürten. Die Zunahme rechtsextremistischer Agitation gegen Flüchtlinge sei ein Beispiel dafür, dass es dem IS bereits in Teilen gelungen sei, Ängste und Ablehnung vor Fremden zu schüren. Deshalb warnte der Referent eindringlich davor, nicht dem sogenannten IS auf den Leim zu gehen, indem man den Islam mit dem Handeln dieser Terroristen gleichsetze. Wer Selbstmordattentate begehe, handele nicht im Namen einer Religion, sondern einer Terrororganisation.

Internet

Anhand verschiedener Beispiele erklärte Herr Gerngroß propagandistische Mittel und Vorgehensweisen von Terrororganisationen wie Al-Qaida, des Islamischen Staates oder Jabhat al-Nusra („Unterstützerfront“). Sie alle würden das Internet als Leitmedium nutzen und könnten so flexibel und mit ansprechender Propaganda auf aktuelle Entwicklungen reagieren. Sinn hinter diesen Aktionen sei stets die Rekrutierung von Kämpfern für die islamistischen Organisationen. Gelockt werde ganz offen und direkt: "Sie versprechen einem in ihrem schwarz-weiß-Weltbild, dass man nur machen müsse, was sie sagen, und das sei dann der direkte Weg ins Paradies".

Kein "Löwe"

Auch die Symbolik, Gestik sowie andere Erkennungszeichen wurden vorgestellt und die Vorgehensweise der Salafisten erläutert. Unterscheiden könne man den politischen vom jihadistischen Salafismus. In Zahlen ausgedrückt (Stand: Juni 2015) seien die deutschen Jihad-Reisenden – insg. 677 Personen ("Jihad" – hier bewaffneter Kampf) städtisch geprägt (90%), männlich (80%) und hätten mit 30 % einen relativ hohen Abiturientenanteil. 61 Prozent der Salafisten seien in Deutschland geboren und überwiegend jung (18 - 25 J.). Unter den Salafisten befänden sich auch junge Frauen (20%), die von einem "Löwen" (Kämpfer) träumen. Die Realität im IS-Gebiet sei aber oft eine andere –junge Frauen würden von "Löwen" zu Sex-Objekten degradiert, in Bordellen misshandelt oder als "Sex-Sklavinnen" weitergereicht.

Fragerunde und Fazit

In der ausführlichen Fragerunde (über 20 Nachfragen der Schüler) stand Marcus Gerngroß Rede und Antwort. Zum Beispiel auf die Frage nach der Effizienz der Sicherheitsbehörden antwortete Gerngroß: "Es bedarf für das Tätigwerden des Verfassungsschutzes zunächst tatsächlicher Anhaltspunkte für eine verfassungsfeindliche Bestrebung oder den Verdacht, dass eine mögliche staatsgefährdende Gewalttat – also beispielsweise ein Terroranschlag – geplant wird. Wir arbeiten als Sicherheitsbehörde tagtäglich unter Hochdruck dafür, dass es zu keinem Terroranschlag in Deutschland kommt. Leider gelingt es den Sicherheitsbehörden nicht immer, solche Anschläge wie zuletzt auf einen Weihnachtsmarkt in Berlin zu verhindern, auch wenn es wünschenswert wäre, und wir uns sehr darum bemühen."

Übrigens bietet das LfV Hessen als bisher bundesweit einzige Landesverfassungsschutzbehörde einen Bachelor-Studiengang in Kooperation mit dem Bundesamt als Ausbildung an. Möglicherweise war es dieser Besonderheit zu verdanken, dass auch nach dem offiziellen Ende der Veranstaltung einige WvO-Schüler noch viele Fragen an Herrn Gerngroß stellten.

©2017 Text: Elena Hild Q4 PW LK SAJO
Fotos: Paul Sajon, WvO

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