Rezension der Abiturlektüre: "Halbschatten" von Uwe Timm

Vor dem Hintergrund des letzten Ruheortes so einiger preußischer Militärgrößen beleuchtet Uwe Timm in seinem Roman "Halbschatten" die letzten Lebensjahre der deutschen Fliegerin Marga von Etzdorf. Der Berliner Invalidenfriedhof ist ein geschichtsträchtiger Ort. 1784 von Friedrich II. erbaut, vereint er über 200 Jahre deutsch-preußischer Geschichte in sich und dies spiegelt sich ebenfalls in Timms Werk wider.

Die Grundidee ist so simpel wie sie verheißungsvoll ist; anstatt einem Erzähler gibt es viele, und anstatt lebendig sind sie tot. Uwe Timms Fokus in "Halbschatten" liegt auf Multiperspektivität. Er lässt diejenigen sprechen, die auf dem Invalidenfriedhof begraben sind. Soldaten aus den napoleonischen Befreiungskriegen unterhalten sich in einem nebulösen Oratorium mit NS-Funktionären wie Ernst Udet oder Reinhard Heydrich. Sogar ein japanischer Dolmetscher darf zu Wort kommen. Allerdings hauptsächlich in der Form von kryptischen Haikus, wenn die Atmosphäre des Werkes es erlaubt.

Ein namenloser Ich-Erzähler wird von einem Mann, der schlichtweg "der Graue" genannt wird, auf dem Friedhof herumgeführt. Er ist interessiert an Marga von Etzdorfs Leben, oder eher dem Grund, aus dem sie dieses 1933 nach einer Bruchlandung im syrischen Aleppo beendet hat. Ihre Biografie ist der Kern des Ganzen, ausgeschmückt wird "Halbschatten" außerdem mit stimmungsvollen, aber für die eigentliche Handlung bedeutungslosen Nebensträngen.

Vielstimmig und fragmentiert wird Margas Liebe zum Fliegen sowie ihre turbulente Karriere dargestellt. Wo sie zu Anfang noch als eine der ersten deutschen Langstreckenpilotinnen gefeiert wird, häuft sie im Verlauf des Romans Bruchlandung um Bruchlandung an. Timm bewegt sich hier nah an den wahren Begebenheiten in Marga von Etzdorfs Leben.

Die Lücken in Margas Biografie überbrückt Timm mit Fiktion. So erfindet er beispielsweise die Figur des weltmännischen Ex-Kampfpiloten und Waffenschmugglers Christian von Dahlem. Während eines nächtlichen Gesprächs in Japan verliebt sich Timms Protagonistin in Dahlem. Eine Liebe, die laut den Aussagen der meisten Figuren in "Halbschatten" einseitig geblieben ist, obwohl es manchmal anders gewirkt hat. In der feinfühligen Konstruktion von Margas Gefühlsregungen liegt "Halbschattens" größter Erfolg. Es gibt der schwer greifbaren historischen Vorlage eine menschliche Tiefe.

Dennoch schafft es Timms Marga nicht, das gesamte Werk zu tragen.

Die Ausführung der vielversprechenden Idee der Mehrstimmigkeit ist das, worunter "Halbschatten" am meisten leidet. Mit insgesamt 25 verschiedenen Stimmen kreiert Timm eher eine literarische Reizüberflutung als eine oratorische Musikalität. Trotz einiger Verbindungspunkte schafft er es nicht, ein schlüssiges Stimmungsbild zu erschaffen.

Vor allem der historisch unwissende Leser wird sich nur schwer zurechtfinden. Zu keiner Figur kann eine echte Verbindung aufgebaut werden. Der Leser verbringt mehr Zeit damit, sich zu fragen, wer nun spricht, als der Handlung zu folgen.

Uwe Timm hat sich in "Halbschatten" viel vorgenommen, vielleicht war es letztendlich zu viel.

©2017 To-Uyen Nguyen (Q4 LK DE HOFM)