"Dinge für das Leben" lernen / ... den Nummern 'Gesichter geben'

Bericht zur Buchenwaldexkursion

Die Exkursion in die Gedenkstätte Buchenwald war eine freiwillige Fahrt und erstreckte sich über vier Tage (11.-14.06.2017). Dabei konnten Schüler aus den Klassen 10 bis Q2 teilnehmen, was die Atmosphäre sehr bereicherte, da man einige neue Leute kennenlernen konnte. Am ersten Tag kamen wir rechtzeitig zum Mittagessen an und begannen kurz darauf mit einem ersten Kennenlernen mit der Gedenkstättenpädagogin Frau Schmitz, die unsere Exkursion vor Ort begleitete. Über die Tage wurde deutlich, dass Frau Schmitz bezüglich der Gedenkstätte Buchenwald und Geschichte allgemein sehr kompetent ist und uns bei jeder unserer Fragen weiterhelfen konnte. Zu Beginn fingen wir den Rundgang auf dem sehr großen Gelände an, wobei wir an jeder Station die Geschichte von Frau Schmitz nahegelegt bekommen haben. Im Nachhinein ist mir deutlich geworden, dass mir der Ort ohne die Führung wahrscheinlich um einiges anders vorgekommen wäre, denn durch die Informationen, die man während des Rundgangs erhielt, konnte man sich ein besseres Bild im Kopf erstellen. Beispielsweise sind von den Gebäuden des Häftlingslagers nur noch sehr wenige vorhanden, so sind heute von den ehemaligen Baracken nur noch die Grundumrisse zu sehen, und erst mithilfe der Informationen von Frau Schmitz und durch die Besichtigung einer einzelnen - teilweise aus originalen Holzteilen rekonstruierten - Baracke konnte man sich gut eine vollständige, permanent überfüllte Baracke mit ihren Häftlingen vorstellen. Durch die Erzählungen bekam man erst eine Vorstellung vom alltäglichen Leben im Konzentrationslager.

Am ersten Tag waren wir ebenfalls im 2016 neueröffneten Museum der Gedenkstätte, wo sehr viele Originaldokumente und andere Artefakte aus der Zeit ausgestellt wurden. Dadurch konnte man sich das Leben im Lager relativ gut vorstellen und einige Dinge ließen uns auch staunen. Eine Sache, die mir deutlich im Kopf geblieben ist und welche die Willkür der damaligen Zeit bestens repräsentiert, war eine Tafel, auf der verschiedene Häftlinge zusammen mit dem jeweiligen Grund ihrer Inhaftierung aufgelistet waren: Der Haftgrund einer der Häftlinge war der Besitz eines Fahrrades. Da wurde mir bewusst, dass in dieser Zeit jede Kleinigkeit zum Anlass genommen wurde, unliebsame Gegner zu inhaftieren.

Unsere Gruppe hat sich teilweise mehrmals täglich im Plenum in einem eigenen Gruppenarbeitsraum getroffen, um Ergebnisse auszutauschen, weitere Informationen zu erhalten und auch Filme zum Thema zu schauen und den Tag zu reflektieren. Während des Aufenthalts konnte sich jeder mit einem selbst ausgesuchten Thema beschäftigen, welches am Ende der Exkursionsfahrt präsentiert werden sollte. Dafür hatten wir viel freie Zeit zur Verfügung, um das große Gelände auch auf eigene Faust erkunden zu können, aber auch, um uns z.B. mit den vielen "Biografiekisten" auseinanderzusetzen. Dies sind mit Zitaten verzierte und mit unterschiedlichen Quellen gefüllte Holzkisten, die jeweils beeindruckend über das Leben eines ehemaligen Häftlings Auskunft geben. Hier war es sehr interessant, den Nummern "Gesichter zu geben" und sich die Schicksale der verschiedenen Leute anzuschauen. Denn durch die zahlreichen Dokumente konnte man sich viel besser mit den Menschen identifizieren und die Schicksale eventuell mit dem eigenen Leben vergleichen.

An einigen Momenten wurde die Auseinandersetzung mit dem Ort für den ein oder anderen sehr belastend, wie beispielsweise bei dem Besuch des Krematoriums, aber dafür war zum Glück auch viel Abwechslung möglich. Dazu hatten wir die Möglichkeit, an einer Ausgrabung teilzunehmen, bei der wir viele alte Gegenstände aus der Lagerzeit ans Licht befördert haben: Es wurde beispielsweis eine alte Häftlingsnummer aus dem Konzentrationslager Groß-Rosen gefunden, über die nun weitere Nachforschungen betrieben werden. Auch das ideologisch aufgeladene Mahnmal der "Nationalen Mahn- und Gedenkstätte" aus DDR-Zeiten haben wir besucht, das ebenfalls sehr interessant war und von dessen Turm man einen unfassbaren Blick über die Landschaft hatte, die mit ihren Wäldern auf dem Ettersberg und dem weiten Tal vielen von uns irgendwie unpassend idyllisch und friedlich erschien.

Alles in allem war die Reise - nach Weimar und in die Vergangenheit - sehr lohnenswert und hat mein Bild über Buchenwald und den Nationalsozialismus um einiges vielschichtiger werden lassen. Durch zeitliche und thematische Freiräume war es möglich, die Wirkung des Ortes zu verarbeiten und zudem lernt man wirklich sehr viel, nicht nur über Geschichte, sondern auch Dinge für das Leben. Man lernt, wie leicht beeinflussbar ein einzelner Mensch ist, wenn die breite Masse eine einheitliche, radikale Ansicht vertritt, und wie sehr man doch die einfachen Dinge im Leben, die heute möglicherweise selbstverständlich sind, schätzen sollte.

Jeder sollte die Möglichkeit haben, einen solchen Ort zu besuchen und ihn und seine Geschichte auf sich wirken zu lassen.

©2017 Stefani Rogler, Q2

Gedankensplitter anderer Teilnehmer:

"Auch wenn man im Unterricht noch so viel über die Geschehnisse in den Lagern der SS lernt, so wirklich kann man das Grauen doch nicht nachvollziehen. Mir hat die Fahrt ein nachhaltiges Bild davon geliefert, unter welchen Umständen die Lager geführt und belebt wurden." Lukas Moos, Q2 "Buchenwald ist ein Ort, der ganz viel zum Nachdenken anregt. […] Man kommt ins Nachdenken, auch über unsere Gesellschaft heute, in der Rechtsextremismus und Rassismus leider wieder mehr Zulauf bekommen. Aus unserer Geschichte sollten wir unbedingt lernen und deutlicher für Werte wie Toleranz, Frieden und faires Miteinander einstehen - denn an einem Ort wie Buchenwald erkennt man, dass dies längst nicht immer Selbstverständlichkeiten sind. […] Nicht alles Gelernte lässt sich in Worte fassen. Vieles ist auch einfach eine Erfahrung, ein Gefühl, das man mit sich trägt und welches den Geschichtsunterricht in der Schule nicht nur mit Inhalt und Kontext, sondern auch mit ganz viel Verständnis und Sensibilität füllt."

©2017 Luisa Gerstweiler, Q2

"Auf jeden Fall merke ich, wie mein Zeitgefühl [hier] immer schlechter wird. […] Es ist einfach so viel passiert, ich habe so viel Input bekommen, sodass mein Gehirn vollkommener Matsch ist. […] Wenn ich die Möglichkeit habe, in der Q2 noch mal mitzufahren, könnte ich mir vorstellen, dies noch einmal zu tun."

©2017 Jasmin Gelo, Kl.10

"Buchenwald war intensiv. Das war so das erste Wort, das mir auf die Frage 'Und, wie war's?' eingefallen ist. Ich habe in dieser kurzen Zeit so unglaublich viel gelernt, nicht nur auf einer sachlichen Ebene, sondern auch auf einer emotionalen. Der Holocaust war für mich vorher ein sehr abstraktes Thema. Im Unterricht hat man mal darüber sprechen können, Zahlen über Zahlen wurden genannt, unter denen man sich auf die Schnelle gar nichts vorstellen kann. Der Besuch im Konzentrationslager hat mir persönlich geholfen, ein kleines Stück dieser schrecklichen Geschichte zu begreifen, ein bisschen Klarheit in die Sache zu bringen, aus den großen Zahlen einzelne Lebensgeschichten herauszunehmen, zu erfahren und zu verstehen, den Ort 'Konzentrationslager' zu sehen und sich vorzustellen, was damals passiert ist. […]

Manchmal, das habe ich bei Besuchen an verschiedenen Orten im 'KL Buchenwald' gedacht, ist [buchstäblich] 'Gras über die Sache gewachsen'. Jedoch hat mir diese Exkursion dabei geholfen, ein kleines Stück Geschichte, ein kleines Stück Holocaust, Nationalsozialismus, Völkermord, zu verstehen, zu entheddern, zu begreifen. Und es war furchtbar intensiv. Es war ein Einblick in einen schrecklichen Abschnitt Geschichte, über die in der Gesellschaft, im Alltag, schon oft 'Gras gewachsen' ist. Ein Einblick, der mir sehr viel gegeben hat, der mir sehr viel im Verstehen von Geschichte geholfen hat, und den ich garantiert nie vergessen werde."

©2017 Laura Schiller, Q2

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