Abitur – Wer stellt eigentlich die Aufgaben?

Am 8. März starten die schriftlichen Abiturprüfungen in Hessen

Am Donnerstag wird’s ernst für die 154 Schülerinnen und Schüler, die an der Wilhelm-von-Oranien-Schule antreten, um dieses Jahr ihr Abitur zu zimmern. Die ersten Nägel schlagen die Englisch-Grund- und Leistungskurse am 8. März ein, den letzten die Physikkurse am 22. März. Aber wer stellt eigentlich die Abiturprüfungsaufgaben?

Bis 2006 wurden die schriftlichen Abituraufgaben an jeder einzelnen Schule von den Lehrkräften für ihre eigenen Lerngruppen vorbereitet. Diese Aufgaben mussten dann zwar zur Genehmigung vorgelegt werden und selbstverständlich den Lehrplänen entsprechen, aber grundsätzlich sorgte das natürlich für eine große Bandbreite möglicher Themen – allerdings auch für wenig Vergleichbarkeit.

2007 wurde dann das "Landesabitur" eingeführt. Seitdem kommen die Aufgaben der schriftlichen Prüfungen zentral über eine verschlüsselte Leitung aus dem Kultusministerium in Wiesbaden, und zwar exakt einen Werktag vor der Prüfung. Weder Schulleitung noch Lehrkräfte wissen vorher, was genau abgefragt wird; jedoch werden die Themenfelder zu Beginn der Qualifikationsphase (also zwei Jahre vorher) bekanntgegeben.

Aber wer hat diese landeseinheitlichen Aufgaben gestellt? Tippt die das Sekretariat des Kultusministers oder verdienen sich damit Schulbuchverlage ein Zubrot? Weder noch – auch bei den zentral gestellten Abituraufgaben sind Lehrerinnen und Lehrer am Werk.

Die Planungen dazu laufen schon über zwei Jahre vorher an: Über die Schulämter werden den Schulen bestimmte Fächer und Themenfelder zugeteilt, die wiederum einzelne Lehrkräfte beauftragen, Abituraufgaben zu konzipieren. Bei diesen "Aufgaben aus der Fläche", so der Fachjargon, sind strenge Qualitätsvorgaben zu beachten: Nicht zu leicht, nicht zu schwer, bestimmte Aufgabenoperatoren, möglichst "unverbrauchte" Materialien usw. Nach der Prüfung durch die schulischen Fachbereichsleiter wird dieses "Rohmaterial" von Fachkommissionen – ebenfalls beauftragte Lehrer – gesichtet, abgeändert und mit einem Erwartungshorizont, wie die Lösung aussehen sollte, versehen.

Doch damit nicht genug – denn was auf jeden Fall vermieden werden muss, sind Fehler in den Aufgaben, über welche die Prüflinge später ggf. straucheln könnten! Daher gibt es mehrere Durchgänge an Prüflesungen in Wiesbaden. Auch hier sind wieder Fachlehrkräfte am Werk, aber natürlich jeweils andere, um Mauschelei oder Betriebsblindheit zu vermeiden.

Dieses Verfahren ist zwar durchaus kostspielig, aber in den letzten Jahren ist es in der Regel gelungen, nahezu fehlerfreie Aufgaben zu erstellen, was dann immer noch billiger (und politisch weniger heikel) ist, als eine Prüfung wiederholen zu müssen. Das hat es bisher erst ein Mal gegeben, nämlich im Fach Mathematik. Logisch: Denn hier führt nur der kleinste Vorzeichenfehler möglicherweise zu haarsträubenden Rechenproblemen.

Seit 2017 gibt es zwecks bundesweiter Vereinheitlichung des Abiturs einen gemeinsamen Aufgabenpool der Länder, aus welchem ebenfalls Aufgaben entnommen werden können. Diese müssen dann jedoch noch den landesspezifischen Vorgaben angepasst werden. Dass in allen Bundesländern in allen Fächern am selben Prüfungstag dieselben Prüfungsaufgaben geschrieben werden, ist wohl eher eine Utopie; zu groß ist der logistische Aufwand und zu stabil das Beharren der Länder auf ihrer Hoheit in der Bildungspolitik. Aber auf größtmögliche Vergleichbarkeit hinzuarbeiten, ist ja auch schon mal ein lohnendes Ziel.

Die schriftlichen Prüfungen sind im Übrigen nur ein Teil des Abiturs: Ab Mitte Mai folgen noch die mündlichen Prüfungen. Abiturzeugnisfeier ist für die Wilhelm-von-Oranien-Schule am 8. Juni in der Konferenzhalle Herborn um 16:00 Uhr. Allen Prüflingen bis dahin viel Erfolg und starke Nerven!

©2017 Text & Foto: Markus Hoffmann, WvO

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Beginn des schriftlichen Abiturs in Hessen