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Wilhelm-von-Oranien-Schule Dillenburg

Lernen in Vielfalt -
Leben in Verantwortung

Janusz Korczak: Arzt, Pädagoge und Streetworker

Prof. Agnieszka Maluga stellt den polnisch-jüdischen Reformpädagogen vor

In Kooperation der Wilhelm-von-Oranien-Schule mit der Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit (GCJZ) Dillenburg und dem Amt für katholische Religionspädagogik des Bistums Limburg fand am 26.10.2026 ein Vortrag über Janusz Korczak statt.

Nach einer kurzen Begrüßung durch Studiendirektorin Kerstin Renkhoff als Gastgeberin übernahm das Wort Ivonne Schweitzer, die Leiterin des Limburger Amtes für katholische Religionspädagogik. Sie wies auf die Bedeutung Korczaks hin und bekräftigte die besondere Fachkompetenz der Referentin, Frau Prof. Dr. Agnieszka Maluga. Auch Herr Dr. Christoph Münz – der Mitveranstalter des Vortrags und zugleich einer der Vorsitzenden der GCJZ Dillenburg - begrüßte das Publikum. Er betonte die Brutalität des NS-Regimes gegenüber dem jüdischen Volk, indem er die besondere Tragik hervorhob, dass von den 6 Mio. Opfern des Holocaust ca. 1,5 Mio. Kinder waren.

Der Vortrag

Die Referentin des Abends, Frau Agnieszka Maluga, ist Professorin für das Lehrgebiet „Bildung, Erziehung, Betreuung und Prävention in der Kinderheit“ an der Hochschule Koblenz und Erste Vorsitzende der Deutschen Korczak-Gesellschaft.

Der Vortrag war in zwei Teile gegliedert: Einmal die Lebensgeschichte von Janusz Korczak und dann seine Pädagogik. Meist würden die Leute Korczak fast nur damit verbinden, dass er 1942 die Kinder seines Waisenhauses im Warschauer Ghetto bei dessen Auflösung durch die Nazis nicht alleine gelassen habe und zusammen mit ihnen deportiert und im KZ Treblinka umgebracht wurde. Doch sei dies viel zu wenig.

Korczak wurde 1878 oder 1879 als Henryk Goldszmit in Warschau geboren. Als Sohn in einer wohlhabenden Familie war er von dem allgemeinen Elend der Bevölkerung, insbesondere der Kinder in den Straßen, nicht betroffen. Doch schon sehr früh hatte er einen anderen Blick auf das Weltgeschehen und den Wunsch, die Welt zu reformieren. Aber nur seine Großmutter glaubte an sein Potenzial. Nach dem frühen Tod seines Vaters und dem damit verbundenen sozialen Abstieg der Familie widmete sich Korczak der Schriftstellerei und setzte sich für die Straßenkinder ein, denen man unbedingt Lesen beibringen müsse. So war er gewissermaßen ein Streetworker in Warschau. Dazu studierte er Medizin und wurde schließlich ein angesehener Kinderarzt. Doch in der Begleitung der sozial abgehängten Kinder fiel ihm schnell auf, wie wenig Zugang er zu ihnen hatte und wie hilflos er dem gegenüberstand. Medizinisch hochqualifiziert, aber mit zwischenmenschlichen Schwächen begann er eine Pädagogik zu entwickeln, die die Kinder und ihre Bedürfnisse in den Mittelpunkt stellte. Ein völlig revolutionärer Ansatz zu Beginn des 20. Jahrhunderts. So reifte die Erkenntnis, dass Kinder ein Recht auf ernsthafte Behandlung haben und nicht streng autoritär oder gar despotisch zu leiten sind. Es galt mit den Kindern zu reden, nicht über sie.

So lebte Korczak aufopferungsvoll mit ihnen zusammen und vermittelte Güte, Empathie und Herzlichkeit. Nach einem Burnout verließ er das Kinderhospiz und übernahm 1912 zunächst die Leitung eines jüdischen Waisenhauses, ab 1919 sogar zweier Waisenhäuser in Warschau. Zusammen mit zwei weiteren wertvollen Mitarbeiterinnen, Stefania Wilczynska und Maria Rogowska-Falska, konnte dort etwa 100 Kindern ein geradezu familiäres Umfeld geschaffen werden. Dadurch wirkte er nach innen wie ein Vater und nach außen wie ein Anwalt für die Kinder. Hier entstanden sozialpädagogische Konzepte, die bis in die heutige Zeit hineinwirken und vorbildhaft sind. So kann man etwa im gemeinsamen Musizieren und Singen eine Musikpädagogik erkennen. Von großer Wirkung waren auch die „Sommerkolonie“ genannten Sommercamps, eine Art Erlebnispädagogik. Genutzt wurde ebenfalls das Radio als neues Medium. Die Sendungen „Radio-Plaudereien“ würden wir heute als Podcasts bezeichnen. 1918 veröffentlichte Korczak seine Schrift zu den Kinderrechten, die „Magna Carta Libertatis“, nach Art eines Grundgesetzes. Er ist damit ein lange unbeachteter Vorläufer der Erklärung der internationalen Konvention der Kinderrechte

durch die Vereinten Nationen von 1989. Zentral im Vortrag stand die Aussage: „Janusz Korczak hat die Kinder geliebt und Liebe gibt keine Wahl“. So brachte sich Korczak ganz in die Arbeit mit den Kindern ein, verzichtete auf eine eigene Familie. Und so erklärt es sich auch, dass er sowie seine Mitarbeiterinnen freiwillig mit etwa 250 Kindern in den Tod gingen. Das war vermutlich am 7. August 1942.

Was uns heute an Korczak fasziniert ist nicht allein sein freiwilliges Martyrium, sondern sicherlich seine Umsetzung der pädagogischen Ideen im Alltag und damit eigentlich unerreichbare Glaubwürdigkeit. Eine Glaubwürdigkeit bis in den Tod. Er zahlte den höchsten Preis für seine Pädagogik und machte sich unsterblich. Korczak avancierte somit zu einem Helden der modernen Pädagogik – nicht NUR durch seinen Opfergang, sondern aufgrund seiner revolutionären Herangehensweise, Ideen und Sichtweise auf die Pädagogik des jugendlichen Kindes.

Die Diskussion

Die rund 80 Zuhörer im Alter von ca. 17-80 Jahren waren sehr beeindruckt von der lebendigen und begeisterten Vortragsweise Malugas. Sie verstand es in hervorragender Weise, aus dem Lebenswerk Korczaks wesentliche Punkte herauszustellen, um neugierig auf die weitere Beschäftigung mit diesem großen Menschen zu machen. Das kam besonders gut bei den Teilnehmern der Erzieherausbildung der Fachschule für Sozialwesen an den Gewerblichen Schulen Dillenburg an, die sich in ihrem Unterricht bereits mit den Ideen Korczaks beschäftigt haben.

Prof. Maluga verheimlichte auch nicht die problematischeren Seiten des Wirkens des Pädagogen, der heute für viele als Pionier, Beschützer und „Mustertheoretiker“ gilt. Sie nannte vor allem die für uns heute ungewöhnliche körperliche Nähe (die Nähe-Distanz-Problematik) sowie die im Westen nicht ganz verstandene „östliche, kollektivistische Sichtweise“ auf die Pädagogik. Befremdlich wirke auf uns heute Korczaks Radikalität in vielen Bereichen der Theorie und Praxis der Pädagogik, wie z.B. das Recht des Kindes auf die Beschäftigung mit dem Tod, der „basisdemokratische“ Ansatz: Ausschluss anderer

Heimbewohner aus der Wohngemeinschaft (kurz: Kinder „schmeißen“ problematische Kinder auf die Straße hinaus) oder die Selbstanzeige des pädagogischen Personals vor dem „Kindergericht“. Auch wurde von Zeitgenossen bemängelt, dass es zu keiner echten Vorbereitung der Zöglinge auf das wahre Leben gekommen sei. Die Schaffung einer sicheren und künstlichen „Blase“ für die Kinder im Waisenhaus habe sie von der realen Welt ferngehalten.

Insgesamt konnte die GCJZ Dillenburg einen überaus gelungenen Vortragsabend vermitteln, der Lust auf mehr Beschäftigung mit Janusz Korczak machte.


v.l.n.r.: Christoph Münz (GCJZ), Ivonne Schweitzer (Bistum Limburg), Prof. Agnieszka Maluga (Hochschule Koblenz), Kerstin Renkhoff (WvO), Martina Klement (GCJZ)


Prof. Agnieszka Maluga


Die erste Ausgabe von Janusz Korczaks pädagogischen Schriften in der DDR erschien im Jahr 1975 unter dem Titel „Die Liebe zum Kind. Eine Auswahl aus seinen Schriften“ im Union Verlag Berlin. Die Texte wurden von Armin Dross aus dem Polnischen übersetzt; Nachwort: Günter Schulze. Mit einem Umfang von 431 Seiten stellte diese DDR-Erstausgabe zum damaligen Zeitpunkt die bis dahin textreichste und umfassendste Zusammenstellung von Korczaks pädagogischen Schriften in deutscher Sprache dar.

 



  • 2026
  • copyright Text: Michael Kämpfer, WvO
  • copyright Foto: Paul Sajon, WvO