Der Zuschauer muss fühlen: "Ja, genau so ist es!"

Schauspielprofi Stephan Ullrich coacht den Theater-Nachwuchs an der Wilhelm-von-Oranien-Schule

Ein mit schwarzen Tüchern abgedunkelter Raum, warmes Scheinwerferlicht, eine karge Büh­ne, darauf zwei Stühle. Dazu ca. 15 gespannte Schülerinnen und Schüler aus dem Kurs „Darstellendes Spiel“ sowie der Theater-AG unter der Leitung ihres Lehrers Harald Minde. Und vielleicht ein bisschen mehr Lampenfieber bei Lea und Lukas, denn diese beiden Schü­ler hatten eine Spielszene zum Thema „Bezie­hungen“ einstudiert, die gewissermaßen das Objekt des Coachings durch den Gast Stephan Ullrich, gefragter Schauspieler der deutsch­sprachigen Theaterszene, hergeben sollte.

Der routinierte, aber durchweg Begeisterung ausstrahlende Theatermann – er mimt in dieser Saison bei den Hersfelder Festspielen den Leicester in Schiller ‚Maria Stuart‘ – besuchte bereits zum zweiten Mal das Dillenburger Gymnasium. Möglich gemacht hatte dies wie im vorigen Jahr der Medienservice des Lahn-Dill-Kreises unter Leitung von Simone Vetter, deren Mitarbeiterin Meike Lauer dem Schauspieler bei der Arbeit assistierend zur Seite stand.

Während 2013 Texte von Georg Büchner im Fokus der Arbeit mit den Schülern standen, hatte sich Stephan Ullrich in diesem Jahr ganz auf den aktuellen „Spiel­plan“ der schulischen Theatergruppen eingelassen.

Nachdem Ullrich sich und seinen Beruf vorgestellt hatte, ging es gleich in medias res: Lea und Lukas stellten zunächst ihre Spielszene – die Eskalation eines zunächst harmlos anmutenden Beziehungskonflikts zwischen Mann und Frau in einem parkenden PKW – vor. Diese Darbietung gelang bereits gekonnt und erntete das Lob des nun zunehmend in die Rolle des Regisseurs schlüpfenden Theaterprofis, der aber geschickt Tipps und Ratschläge für den Feinschliff gab: „Lasst Euch mehr Zeit zwischen den Sätzen.“ „Erst die Beine übereinanderschlagen, noch nicht sprechen dabei.“ „Sitzt Ihr in einem Mercedes oder in einem Fiat? Rutscht doch mal ein wenig näher zusammen.“ „Lukas, nicht die Augen schließen, wenn Du Lea anschaust.“ „Sprich das viel offener, ehrlicher, das muss gar nicht so zickig klingen.“ Alle Hinweise waren präzise und knüpften stets an Mimik, Gestik und Intonation der beiden Nachwuchsmimen an, die trotz der herausfordernden Ansagen Ullrichs Freiraum zur Ausgetaltung ihrer Rolle behielten: „Das ist super, wie Du Deine Hände knetest; das passt gut zu der Situation, in der die Figur jetzt ist!“

Das Ziel der Regieanweisungen war dabei stets offensichtlich. Es ging Stephan Ullrich darum, „Wahrheit“ auf den Punkt zu bringen, Authentizität in der Szene herauszuarbeiten. Das Spiel dürfe nicht aufgesetzt wirken, es gehe auch nie darum, dass das Publikum die Darsteller fabelhaft finde, sondern darum, dass die Zuschauer das Gespielte nacherleben könnten und zu der Erkenntnis kämen: Ja, genau so ist es!

Ohne dieses Ziel aus den Augen zu verlieren, gelang es dem aus Solingen gebürtigen und lange Zeit am Schauspielhaus Bochum verpflichteten Ullrich, seine Regieanweisungen zu einer für das Schülerpublikum wiederum selbst faszinierenden Darbietung werden zu lassen, die mit Stimmungen und Stimme experimentierte und das Gemeinte optisch und akustisch illustrierte.

Diese ganz ungewohnten 90 Minuten Unterricht waren harte Arbeit, sowohl für den Regie führenden Ullrich, besonders aber auch für die voll konzentrierten Schauspiel­schüler Lea und Lukas – und das Publikum war die ganze Zeit gebannt dabei. Diese Form von sze­nischem „Micro-Teaching“ ist ansonsten in der schulischen Arbeit mit den vollen Lehr­plänen und stetigen Bewertungs­ver­pflich­tungen nur selten möglich. Am Ende des Coachings war die Spielszene gewissermaßen schauspielerisch „auf Hochglanz poliert“ und alle Beteiligten um eine wertvolle Theatererfahrung reicher.

Auch Darstellendes-Spiel-Lehrer Harald Minde war mit der Lernprogression seiner Schützlinge hoch zufrieden und dankte ebenso wie Fachbereichsleiter Markus Hoffmann herzlich Ste­phan Ullrich sowie dem Medienservice des Kreises – verbunden mit der Einladung, nächstes Jahr wieder herzlich willkommen zu sein.

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©2014 Markus Hoffmann; WvO