Kaugummi und Peperoni

Prof. Dr. Jens Weidner trainierte WvO-Pädagogen im Umgang mit aggressivem Schülerverhalten - Pädagogischer Tag zum Thema "Heterogenität"

Der Hamburger Experte für Kriminologie und Entwickler des AAT® - Anti-Aggressivitäts-Training - referierte an der Wilhelm-von-Oranien-Schule im Rahmen eines Pädagogischen Tages vor dem Kollegium und weiteren geladenen pädagogischen Führungskräften der Region.

"Am Gymnasium ist noch heile Welt." - Diese landläufige Annahme mag im relativen Vergleich zu anderen Schulformen vielleicht noch stimmen, aber auch im gymnasialen Bildungsgang, den mittlerweile die Mehrheit aller Schüler wählen, tritt zunehmend abweichendes Sozialverhalten auf - Beleidigungen, Sachbeschädigungen, Mobbing, körperliche Gewalt. Im Sinne von "Wehret den Anfängen" hatte sich die Schulleitung des Dillenburger Gymnasiums entschieden, einen Pädagogischen Tag zum Thema "Abweichendes Schülerverhalten" zu veranstalten, und dazu als Hauptreferenten einen Fachmann eingeladen, der sich mit aggressiver Klientel ganz anderen Kalibers bestens auskennt.

Prof. Dr. Jens Weidner ist Miteigentümer des Deutschen Instituts für Konfrontative Pädagogik, und dieser Name ist Programm: In jahrelanger Therapiearbeit mit kriminellen Gewalttätern hat er Erfahrungen damit gesammelt, wie Aggression wirksam gebändigt und in produktive Bahnen umgelenkt werden kann. Jährlich werden im deutschsprachigen Raum ca. 2.500 aggressive Täter nach seinem Konzept behandelt. Der Erfolg gibt ihm Recht: Zwei Drittel seiner Klienten werden nie wieder auffällig, bei der einen Hälfte des übrigen Drittels werden die Delikte zumindest schwächer, bei dem Rest tut sich nichts. Das ist eine Erfolgsquote, die bisher ihresgleichen sucht. Auch in Hamburger Schulen wurde das Training in modifizierter Form - Cool in School ® - wirksam eingesetzt.

Kuschelpädagogik ist Weidners Sache nicht, das merkten die Zuhörer seines Vortrags im Atrium der Wilhelm-von-Oranien-Schule rasch. Unter dem Motto "Abweichendes Verhalten verstehen, aber nicht einverstanden sein!" illustrierte der Kriminologe und Sozialisationsforscher mit teils amüsanten, teils ungeschminkt deftigen Beispielen seinen Ansatz: Nicht wegschauen, nichts schönreden, sondern schon bei vermeintlich kleineren Fehltritten sofort pädagogisch konsequent reagieren. Dabei betonte Weidner die Motive seiner Arbeit: Ziel sei, Opfer zu schützen bzw. - besser noch - ganz zu vermeiden. Um Missverständnissen vorzubeugen: Der aggressive Regel-Verletzer werde dabei nicht abgelehnt, im Gegenteil: man müsse ihn als Mensch wertschätzen, aber auf das abweichende Verhalten deutlich spürbar reagieren. Dazu gab Prof. Weidner seinen Zuhörern zwei einprägsame Werkzeuge an die Hand.

Erstens: "Seien Sie das pädagogische Kaugummi am Turnschuh ihres abweichenden Schülers!", so Weidner. Wichtig sei, dass der Delinquent in seinen falschen Grundannahmen - Gewalt macht stark, Abweichung ist cool usw. - und auch in seinem Status bei seinen Kumpels erschüttert werde, und zwar nicht nur durch eine klassische Lehrer-Standpauke, sondern möglichst durch kollektive Reaktion aller: Lehrer, Mitschüler und auch der Hausmeister müssten mitziehen, wenn es z.B. im Falle einer Beleidigung darum gehe, dem Täter bei jeder sich bietenden Gelegenheit zu signalisieren: "Was Du zu Frau Meier gesagt hast, ist das Allerletzte! Du musst dich sofort bei ihr entschuldigen!" Mit dieser kollektiven Appell-Attacke werde der Beleidiger so lange von allen Seiten genervt, bis er spüre: "Ich stehe alleine, alle maßgeblichen Leute sind gegen mich." Letztlich gehe es also darum, so Weidner weiter, sich als Lehrer Verbündete zu suchen: "Wenn Sie selbst mehr so der Schäfchen-Typ sind, brauchen Sie ein Netzwerk, das sie unterstützt, mit dem Sie sich Respekt verschaffen."

Apropos "Schäfchen-Typ": Als zweites Werkzeug empfahl Prof. Weidner, der auch als Business-Coach erfolgreich doziert und publiziert, die "Peperoni-Strategie", gleichlautend wie sein Bestseller mit dem Untertitel "So setzen Sie Ihre natürliche Aggression konstruktiv ein". Wer sich als Lehrer durchsetzen und vor Burn-Out schützen wolle, müsse eine professionelle Haltung entwickeln: 80% sozialer, empathischer, warmherziger Habitus sei gut, aber man brauche auch 20% Prozent Schärfe, um sich im Bedarfsfall Respekt zu verschaffen. "Seien Sie stets nett und liebenswert zu ihren Schülern. Aber diese müssen wissen, dass Sie auch anders könnten, wenn Sie denn einmal müssten."

Diese praxisorientierten Anregungen kamen an bei den WvO-Lehrkräften, aber auch bei den Gästen von Nachbarschulen. Schulleiter Martin Hinterlang dankte Prof. Weidner für die klaren Impulse: humorvoll und unterhaltsam vorgetragen, aber sehr gehaltvoll und anregend für die pädagogische Alltagsarbeit.

Info: Zur Person

Prof. Dr. Jens Weidner lehrt Kriminologie und Sozialisationstheorie an der Fakultät für Wirtschaft und Soziales der Hochschule für Angewandte Wissenschaften in Hamburg. Während eines USA-Aufenthaltes arbeitete er mit Gangschlägern und behandelte später zehn Jahre lang Kriminelle für die deutsche Justiz. Als Miteigentümer des Deutschen Instituts für Konfrontative Pädagogik entwickelte er sowohl das Anti-Aggressivitäts-Training (ATT®) als auch das Konzept Cool in School ®. Als Referent beim Deutschen Schulleiterkongress in Düsseldorf und beim Deutschen Lehrertag in Leipzig setzte er markante Impulse in der deutschen Bildungslandschaft.

Zusätzlich untersucht Weidner seit zwei Jahrzehnten Machtspiele im Business und coacht Führungskräfte, sich dagegen zu wehren bzw. durchzusetzen. Er lehrte am Schweizer Gottlieb Duttweiler Institut für Wirtschaft und Gesellschaft, heute arbeitet er für das London Speaker Bureau und das Schranner Negotiation Institute in Zürich. Außerdem ist er Vorstandsmitglied im "Wirtschafts-Club der Optimisten".

Neben seinen pädagogischen Fachpublikationen schrieb er den Business-Bestseller "Die Peperoni-Strategie. So setzen Sie Ihre natürliche Aggression konstruktiv ein" und brachte zuletzt den Ratgeber "Optimismus. Warum manche weiter kommen als andere" heraus.

Der Vortrag Weidners war die Abschlussveranstaltung des Pädagogischen Tages, welchen das Kollegium der Wilhelm-von-Oranien-Schule unter dem Thema "Heterogenität und abweichendes Schülerverhalten" am Faschingsdienstag absolvierte.

Am Morgen lieferte die Rektorin der Budenbergschule Silvia Fladerer mit ihrem Impulsvortrag "Heterogenität konkret - Wie erhalten allgemeinbildende Schulen Unterstützung durch das regionale Beratungs- und Förderzentrum (BFZ)?" die kompetente Grundlage für die folgenden Workshop-Runden:

Als externe Fachleute schulten Frau Ferst und Herr Staska von der Rehbergschule Herborn in der Diagnostik von Autismus-Spektrums- sowie externalisierenden Störungen, BFZ-Kollegin Lalla informierte mit Unterstützung von Julia Schäfer-Schmitt über Erziehungshilfe und vorbeugende Maßnahmen.

Schulleiter Martin Hinterlang und Ulrike Stahl-Matena berieten mit ihren Seminarteilnehmern Beispiele für pädagogische oder Ordnungsmaßnahmen, Claudia Carius, Sabine Schulz und René Groothuis stellten im Sinne des sozialen Lernens Regeln und Rituale im Unterrichtskontext vor.

Classroom Management war das Thema bei Ann-Christin Finke und Steffen Klieber, Underachievement/Hochbegabung bei Angela Gehrmann, Renate Edelmann und Jan Harms. Eine Arbeitsgruppe unter Leitung von Corinna Klein, Andre Geduldig und Heiko Debus beschäftigte sich mit einem Förderkonzept im Rahmen des Ganztagsangebots.

Alle Ergebnisse des Pädagogischen Tages sollen in Form eine Readers zur Weiterarbeit zusammengestellt und veröffentlicht werden.

Herzlichen Dank allen externen und internen Referenten sowie der Fortbildungsbeauftragten Christina Stuy und Schulleitungsmitglied Kerstin Renkhoff für die Organisation des Veranstaltungsrahmens!

©2018 Text & Fotos: Markus Hoffmann, WvO

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